Unser Christsein
wird heute
nur in
zweierlei bestehen:
im Beten
und im Tun des Gerechten
unter den Menschen

Dietrich Bonhoeffer, Mai 1944

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Das ‚Du‘ finden - ein Grußwort der Vorsitzenden zu Karfreitag und Ostern 2021

„Ich glaube, wir müssen das Große und Eigene wirklich unternehmen und doch zugleich das selbstverständlich- und allgemein- Notwendige tun, wir müssen dem ‚Schicksal‘– ich finde das ‚Neutrum‘ dieses Begriffes wichtig – ebenso entschlossen entgegentreten wie uns ihm zu gegebener Zeit unterwerfen. Von ‚Führung‘ kann man erst jenseits dieses zwiefachen Vorgangs sprechen, Gott begegnet uns nicht nur als Du, sondern auch ‚vermummt‘ im ‚Es‘, und in meiner Frage geht es also im Grunde darum, wie wir in diesem ‚Es‘ (‚Schicksal‘) das ‚Du‘ finden, oder m.a.W. […] wie aus dem ‚Schicksal‘ wirklich ‚Führung‘ wird. Die Grenzen zwischen Widerstand und Ergebung sind also prinzipiell nicht zu bestimmen; aber es muß beides da sein und beides mit Entschlossenheit ergriffen werden. Der Glaube fordert dieses bewegliche, lebendige Handeln. Nur so können wir uns[ere] jeweilige gegenwärtige Situation durchhalten und fruchtbar machen“ (DBW 8,333 f.).

Es dürfte nicht schwerfallen, diese den Titel für die Gefängnisbriefe prägenden Worte Dietrich Bonhoeffers („Widerstand und Ergebung“) aus seinem Brief vom 21. Februar 1944 „für uns heute“ zu lesen.

Das „Schicksal“ der Pandemie hat uns heute schon über ein Jahr „unterworfen“. Und schon „Halt!“; denn Bonhoeffer spricht aktivisch: „wir“ müssten uns dem „Schicksal“ „zu gegebener Zeit unterwerfen“. Das ist etwas anderes.

Ob wir das nun nachvollziehen können oder nicht, vielleicht doch ein wenig zu heldenhaft finden, zu stark, zu sehr nach dem Gutsherrn, der aus seinem Schloss heraustritt. Hier steht es:

Dietrich Bonhoeffer ließ sich offensichtlich auch im Gefängnis nicht den Mut nehmen, dass er selbst seinem „Schicksal“ sich unterwirft oder entschlossen entgegentritt. Auch am 21. Juli 1944 fällt er nicht, sondern „wirft“ er sich in Gottes Arme. Und auch in seinem Gedicht „Jona“, einem der wichtigsten und oft missverstandenen Texte, ist es „Jona“ höchstselbst, der den Seeleuten sich selbst ausliefert, auf dass das „Meer“ sich beruhige.

„Der Glaube fordert dieses bewegliche, lebendige Handeln“ zwischen „Widerstand und Ergebung“. An anderen Stellen begründet Bonhoeffer, inwiefern der Glaube diese Lebenskunst nicht nur „fordert“, sondern überhaupt erst begründet und ermöglicht. Und auch in dem zitierten Passus steht es indirekt geschrieben, nämlich: „[In] meiner Frage geht es also im Grunde darum, wie wir in diesem ‚Es‘ (‚Schicksal‘) das ‚Du‘ finden, oder m.a.W. […] wie aus dem ‚Schicksal‘ wirklich ‚Führung‘ wird.“

Längst ist der Bundeskanzlerin Eingeständnis eines politischen Fehlers und die Bitte um Verzeihung schon in den Dreck gezogen. Man spricht von Taktik und inflationärer Schuld-Bekenntnis-Kultur. Wir kennen Frau Merkel nicht persönlich und nehmen einmal einfach an, sie habe das so gemeint, wie sie es gesagt hat. Wir könnten dann in ihrer Handlung einen jener außerordentlichen und seltenen Momente in der Politik und im gesellschaftlichen Diskurs erkennen, wie Bonhoeffer sie im Blick gehabt hat, als er meinte, es könne doch gelingen, im „Es“ das „Du“ zu „finden“, im „Schicksal“ Gottes „Führung“.

Jemanden ernsthaft um Verzeihen bitten – und wir haben keinen Grund, das Frau Merkel einfachhin abzusprechen – ist ein personales Geschehen zwischen „Ich“ und „Du“.

Als in Bonhoeffers Sinn „letzter“ Grund, dass überhaupt verziehen werden kann, jemand jemandem tatsächlich verzeiht, erscheint der „Gott in Menschengestalt!“ (8,558) im Hintergrund nicht nur, sondern mitten in diesem Geschehen. Das war Bonhoeffers Glaube. So dachte er theologisch.

„Nur so können wir uns[ere] jeweilige gegenwärtige Situation durchhalten und fruchtbar machen.“

Als wäre es für uns heute geschrieben.

Wir wünschen allen Lesern und Leserinnen eine inspirierte Karwoche und ein gesegnetes Osterfest.

Petra Roedenbeck-Wachsmann

Dr. Bernd Vogel

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Herzlich willkommen

auf der Webseite des Dietrich-Bonhoeffer-Vereins zur Förderung christlicher Verantwortung in Kirche und Gesellschaft e. V.

Der Dietrich-Bonhoeffer-Verein (dbv) wurde am 15. Mai 1983 in Stadtlauringen gegründet.

Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Wahrnehmung christlicher Verantwortung in Kirche und Gesellschaft zu fördern.

Die Mitglieder, Freundinnen und Freunde des Vereins sehen in dem Leben und Werk Dietrich Bonhoeffers eine unverändert gültige, in die Zukunft weisende Herausforderung zu verantwortlichem Glauben, Denken und Handeln.

Zur Kenntnissnahme, Verbreitung und Diskussion werden von den Gremien des dbv die „Impulstexte“ und „Resolutionen“ empfohlen. Insbesondere weisen wir auf unsere am 11.03.2016 auf der Mitgliederversammlung in Erfurt beschlossene „47. Resolution“ „Pacem facere – Frieden schaffen“ und auf unseren Aufruf zur Friedensdekade 2017 hin.

Auf der Mitgliederversammlung am 18./19.09.2020 in Eisenach haben die Mitglieder des dbv im Gedenken an den vor 75 Jahren von den Nazis ermordeten Dietrich Bonhoeffer beschlossen, ein Wort zur Freiheit als "Dasein für andere" zu veröffentlichen.

Gegen die von der Bundesregierung geplante Anschaffung bewaffneter Drohnen hat sich die Arbeitsgruppe „Frieden wagen“ mit Zustimmung des Vorstands in einem Offenen Brief an den Bundespräsidenten, die Bundeskanzlerin, die Bundesminister und Bundesministerinnen. an die im Parlament vertretenen Parteien sowie an die Landesregierungen und ev. und kath. Kirchenleitungen gewandt.

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„Speaking of unity“ (Biden)…
„Allein in der Tat ist die Freiheit“ (Bonhoeffer).
Ein theologischer Gruß

Washington D.C., 20. Januar 2021. Der neu gewählte Präsident Joseph R. Biden hält die wohl wichtigste Rede seines Lebens. U. a. sagt er:

„So now, on this hallowed ground, where just a few days ago violence sought to shake the Capitol’s very foundation, we come together as one nation under God, invisible, to carry out the peaceful transfer of power as we have for more than two centuries […]

I know speaking of unity can sound to some like a foolish fantasy these days. I know the forces that divide us are deep, and they are real, but I also know they are not new. Our history has been a constant struggle between the American ideal that we are all created equal and the harsh, ugly reality that racism, nativism, fear, demonization have long torn us apart. The battle is perennial, and victory is never assured. […]

Let’s begin to listen to one another again, hear one another, see one another, show respect to one another. Politics doesn’t have to be a raging fire destroying everything in its path. Every disagreement doesn’t have to be a cause for total war, and we must reject the culture in which facts themselves are manipulated and even manufactured.“

Die Rheinische Post (RP online) übersetzt:

„An diesem ehrwürdigen Ort, an dem vor nur wenigen Tagen mit Gewalt die Grundfesten des Kapitols erschüttert werden sollten, kommen wir zusammen als eine Nation vor Gott, unteilbar, um die Macht [von einem Präsidenten zum anderen] friedlich weiterzugeben; so, wie wir es seit mehr als zwei Jahrhunderten tun. […]

Ich weiß: Wenn ich von Einigkeit spreche, könnte das für manche in diesen Tagen wie eine närrische Träumerei klingen. Ich weiß: Die Kräfte, die uns voneinander trennen, sind stark und real. Ich weiß aber auch, dass sie nicht neu sind. Unsere Geschichte ist ein ständiger Kampf zwischen dem amerikanischen Ideal – dass wir alle gleich geschaffen sind – und der harschen, hässlichen Realität; dass uns nämlich Rassismus, Nativismus und Angst auseinandergerissen haben. Diese Schlacht dauert an, und der Sieg ist niemals sicher. […]

Lassen Sie uns also heute, an diesem Tag und an diesem Ort, neu beginnen, wir alle zusammen. Lassen Sie uns anfangen, einander wieder zuzuhören, einander zu hören, einander zu sehen. Einander Respekt zu zeigen. Politik muss kein rasendes Feuer sein, das alles verschlingt. Nicht jede Meinungsverschiedenheit muss ein Grund für den totalen Krieg sein. Und wir müssen die Kultur beenden, in der Fakten manipuliert und sogar erfunden werden.“

An mindestens zwei zentralen Stellen ist diese Übersetzung mindestens irreführend, im Grunde falsch!

Vom „hallowed ground“ spricht der Katholik Biden im Textzusammenhang nicht nur von einem geschichtlich „ehrwürdigen“, sondern – die weitere Rede zeigt es – durchaus von einem „geheiligten“ Grund; denn um was es hier geht, d. i. um den „Tag der Demokratie“, hat in letzter Konsequenz – man mag hier Bonhoeffers Begriff des „Letzten“ schon versuchsweise mithören – zu tun mit „Gott“. Es ist nach Anlage und Durchführung der gesamten Rede deutlich, dass die rhetorische Floskel, der Fahneneid auf die „eine Nation unter (!) Gott“ vom Redner hier wörtlich und ernst genommen wird.

Vielleicht noch deutlicher falsch ist die Übersetzung von „unity“ mit „Einigkeit“: „Wenn ich von Einigkeit spreche …“ (Übersetzung RP) … Spricht Herr Biden aber durchaus nicht, sondern von „Einheit“. Mag im Deutschen „Einheit“ sprachlich mit „Einigkeit“ gelegentlich als synonym gelten: „Einigkeit und Recht und Freiheit …“; so ist das dem Dichterwort geschuldet. Sachlich aber ist „Einheit“ etwas prinzipiell Anderes als Einigkeit.

Im Zusammenhang seiner frühen Kirchenlehre unterschied Dietrich Bonhoeffer zwischen gottgewirkter „Geisteinheit“ und menschlicher „Geisteinigkeit“, ein früher Vorschein seiner späteren Unterscheidung des „Letzten“ (Gott) vom „Vorletzten“ (menschliche Geschichte):

„Die Einheit der christlichen Kirche gründet nicht auf menschlicher Geisteinigkeit, sondern auf göttlicher Geisteinheit, und beides ist zunächst nicht identisch“ (SC, 132 f.).

Der Wortlaut der Rede macht wahrscheinlich, dass Präsident Biden, kein Protestant, sondern ein aufgeklärter Katholik, was im US-amerikanischen Kontext mindestens heißen kann: tendenziell nicht-fundamentalistisch eingestellt, „unity“ durchaus als einen theologisch gefassten Grenzbegriff gemeint hat, als eine Qualität, die auch „America“ in dieser Weltzeit niemals erreichen wird – „Einheit“ als eine Wirkung Gottes und ein Kennzeichen des Reiches Gottes – die es aber gerade darum (hier wird der Akzent beim Katholiken Biden liegen) und trotzdem (das hätte ein Protestant eher betont) mit möglichst guter Politik anzustreben gilt.

„The battle is perennial, and victory is never assured.“ Theologen und Theologinnen sprechen vom „eschatologischen Vorbehalt“, der hier gewahrt ist: Kein politisches Handeln wird in dieser Weltzeit zum Reich Gottes führen. Der „Sieg“ wird erst von Gott her, vom „Letzten“ aus (Bonhoeffer) „sicher“ bzw. gesichert sein, niemals in dieser Welt.

In diese Richtung argumentierte der junge Dietrich Bonhoeffer im Gespräch mit seinen Mitstudierenden 1930/31. In diesem Sinn auch formulierte er später seine Kritik am „Protestantismus ohne Reformation“: Ein Glaube ohne das Kreuz, ohne den realistischen Blick auf des Menschen Sünde, auf das bleibende „Zwielicht“ für jedes politische Handeln.

Hat der geistige Stab um Joe Biden herum und hat er selbst nach den desaströsen Trump-Jahren und angesichts der Krisenlage der Welt nun endlich doch, den ureigenen amerikanischen Optimismus (auch ein Thema Bonhoeffers Ende 1942!) konterkarierend, das „Kreuz“ entdeckt, das Mit-Leiden, das Für-andere-Dasein, den „Blick von unten“ (Bonhoeffer). Es könnte so sein … und wäre so wichtig.

Dem handelnden Politiker muss in der jetzigen Lage am Herzen liegen (wie er sagt) und im Sinn sein, dass unter den Menschen seiner „Nation“ (und darüber hinaus) Haltungen und Grundwerte wieder eingeübt werden wie der wechselseitige Respekt, auf einander zu hören und einander zu „sehen“: „Im Gespräch kann immer etwas Neues geschehen“ (DBW 8, 507).

Die 22-jährige Amanda Gorman hielt die vielleicht beeindruckendste „Predigt“, offiziell: das Inaugurations-Gedicht. Auch sie zitierte vielfach die besten geistigen Traditionen „Amerikas“, beschwor das Gute und Heilige, um – im Bild gesprochen – den Schwefelgeruch des Bösen und Satansbratens zu vertreiben, der noch vom fernen Golfplatz aus herüberwehte.

„When day comes, we ask ourselves where can we find light in this never-ending shade?

[…] For there is always light, / if only we‘re brave enough to see it. / If only we’re brave enough to be it“ (Amanda Gorman).

„When day comes, we ask ourselves,

where can we find light in this never-ending shade?

The loss we carry,

a sea we must wade.

We've braved the belly of the beast.

We've learned that quiet isn't always peace.

And the norms and notions

of what just is, isn't always just-ice.

And yet the dawn is ours

before we knew it.

Somehow we do it.

[…]

The new dawn blooms as we free it.

For there was always light.

If only we're brave enough to see it.

If only we're brave enough to be it.”

Das Redaktionsnetzwerk Deutschland übersetzt:

„Wenn es Tag wird, fragen wir uns,

wo wir Licht zu finden vermögen,

in diesem niemals endenden Schatten?

Den Verlust, den wir tragen,

ein Meer, das wir durchwaten müssen.

Wir haben dem Bauch der Bestie getrotzt.

Und wir haben gelernt, dass Ruhe nicht immer Frieden bedeutet.

Und dass die Normen und Vorstellungen von dem, was gerecht ist,

nicht immer Gerechtigkeit ist.

Und doch gehört die Morgendämmerung uns,

noch ehe wir es wussten.

Irgendwie schaffen wir es.

[…]

Die neue Morgendämmerung erblüht, wenn wir sie befreien.

Denn es gibt immer Licht,

wenn wir nur mutig genug sind, es zu sehen,

wenn wir nur mutig genug sind, es zu sein.“

Man mag das „as“ im letzten Absatz weniger konditional und mehr im Sinne eines befreienden Handelns übersetzen und die Präteritum-Form belassen:

„Die neue Morgendämmerung erblüht, indem wir sie befreien.

Denn immer gab es Licht …“ [und wird es geben … und das Licht wird sich „letztlich“ durchsetzen!].

Beide Akzente könnte die junge Dichterin einem „Dichter“ entlehnt haben, der lange vor ihrer Zeit geschrieben hatte.

„Nicht das Beliebige, sondern das Rechte tun und wagen,

nicht im Möglichen schweben, das Wirkliche tapfer ergreifen,

nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit.

Tritt aus ängstlichem Zögern heraus in den Sturm des Geschehens

Nur von Gottes Gebot und deinem Glauben getragen,

und die Freiheit wird deinen Geist jauchzend umfangen“ (DBW 8, 571).

Petra Roedenbeck-Wachsmann und Bernd Vogel, 21.1.2021