Freitag, 24. März 2017
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Lesermeinungen

Angeregt durch die in Heft 53 unserer Zeitschrift „Verantwortung“ behandelten Themen stellt D.A.V.I.D. gegen Mobbing in der evangelischen Kirche e. V. in seinem Forum folgende Frage zur Diskussion:


Warum ist die Evangelische Kirche Deutschlands so wie sie ist?


#1 von Joringel, 28.06.2014 09:33

Diese Frage haben sich sicher schon viele in der Kirche unglückliche Protestanten gestellt. Die Kirche macht es sich einfach: 'Sollen sie doch gehen, wie wir organisiert sind, was wir nach Außen leben (oder auch nicht leben) hat sich bewährt. Auch wenn wir jammern wegen dem zukünftigen Nachlassen der Kirchensteuer durch Austritte, immerhin gibt es im Hintergrund ja noch die "Kirchensteuer auf abgeltend besteuerte Kapitalerträge", die die Kassen füllen. Da sind die paar Pfennige der Enttäuschten gar nicht so wichtig. Schulter an Schulter mit Papa Staat, dafür sakrale Dienstleistungen bei Katastrophen, bei Soldaten-Gelöbnissen (Helm ab zum Gebet) und in Gottesdiensten bei Soldatentod, die zum vorübergehenden Hausrecht des Staates in Kirchen und gottesdienstlichen Räumen führen (!), ist doch summa-summarum eine schöne Win-Win-Konstellation! Die Gedanken der "Abweichler" zu verstehen suchen, sich inhaltlich auseinanderzusetzen – nein, Danke!'

Wie kommt so etwas zustande? Wer diese Frage vertieft nachgehen möchte, sollte sich vom Dietrich-Bonhoeffer-Verein die Zeitschrift Nr. 53 "Zivilcourage ist nötig ... auch beim Lutherjubiläum 2017" bestellen. Die Texte der Zeitschrift basieren auf den Referaten von zwei Tagungen des Dietrich-Bonhoeffer-Vereins. Einmal der Sondertagung zum Kampf gegen den Rechtsextremismus in Zusammenarbeit mit der Ev. Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde in Stuttgart-Weilimdorf im Januar 2014 und der Jahrestagung des Dietrich-Bonhoeffer-Vereins im April in Erfurt. Hier wird reflektiert inwieweit die unreflektierte Identifikation mit dem Luthertum mitverantwortlich ist für die Verantwortungslosigkeit der Evangelischen Kirche im Dritten Reich (dem Reich der Verbrecher und Mörder, das bis heute die ganze Welt erschreckt) und auch noch danach. Freilich wird hier nur ein Zeitfenster geöffnet, doch wirft es ein kontrastreiches Schlaglicht auf die Befindlichkeit und unreflektierte Besitzanzeige der Kirche in Bezug auf den christlichen Glauben und der kirchensteuerlich definierten "Gläubigen" der Volkskirche. Die einzelnen Aufsätze haben es in sich, man muss sich als Laie schon viel Mühe geben, die theologischen Argumente zu verstehen. Doch halt – da ist noch der Aufsatz von Dr. Karl Martin (Vorstandsmitglied von D.A.V.I.D. e. V.) mit dem Thema "Bonhoeffers Kritik am Luthertum". Bezogen auf meine Fragestellung entwickelt er Schritt für Schritt die Sichtweise Bonhoeffers auf die Überkommenes fixierende Rolle der lutherischen Theologie und ihren Einfluss auf die kirchlichen Würdenträger bzw. deren auffällige Unempfindlichkeit gegenüber der Not der Anderen. Der Text ist allgemeinverständlich und durch eingestreute biographische Aspekte aus Bonhoeffers Leben auch auf lebendige Weise interessant. Nun könnt Ihr Karl Martin, und hier auch mir, entgegenrufen – das ist ja alles schon 70 bis 80 Jahre her! Umso wichtiger ist diese Zeitschrift und die Aufgabe, "unsere" Kirche aus diesem analytischen Blickwinkel zu betrachten. Bei ehrlicher Auseinandersetzung sind Rückschlüsse in Bezug auf den heutigen Zustand der Kirche und das kommende Lutherjubiläum 2017 unvermeidlich.

P.S.: Wusstet Ihr, dass die Synagogen am 10.11.1938 genau an Luthers Geburtstag brannten? Ich wusste es nicht. Aber dass Luthers antisemitsche Schriften von den Nazis zur Legimitation ihrer Verbrechen mit herangezogen wurden und damit die Mitte der Gesellschaft und der Kirche erreichten, das wusste ich.

Die Zeitschrift ist zu bestellen beim Fenestra-Verlag info(at)fenstra-verlag(dot)de

Joringel