„Teure Gnade“ (Bonhoeffer): Predigt von Bernd Vogel am 11. So. n. Trinitatis 15.8.2021 - Lukas 18,9-14

„Teure Gnade“ (Bonhoeffer): Predigt von Bernd Vogel am 11. So. n. Trinitatis 15.8.2021 - Lukas 18,9-14

„Er sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: 10 Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. 11 Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. 12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. 13 Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! 14 Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“

Lukas 18,9-14

Ach, ja – der Pharisäer und der Zöllner. Während unseres Vikariates im Predigerseminar verfremdete ein Kollege die kleine Erzählung. Der Schluss ging bei ihm dem Sinn nach so: „Der Zöllner aber stand ferne, hob seine Augen zum Himmel und sprach: Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie jener Pharisäer, der meint, sich auf seine guten Werke etwas einbilden zu können. Ich dagegen weiß ja, dass alles an deiner Gnade liegt; Gott – und dass kein Mensch gerecht ist vor dir, außer durch Gnade!“

Die Christen und Christinnen sind erst durch die Katastrophe der Shoah ihrer eigenen Schuld und Mitverantwortung an anti-jüdischen Klischees ansichtig geworden. Erst durch die Konfrontation mit der unabweisbaren eigenen Schuld wurde ein Webfehler der christlichen Lehre sichtbar, der sonst noch ein paar Jahrzehnte verborgen geblieben wäre.

Kommt uns das bekannt vor? Erst die Konfrontation mit den Fluten im Ahrtal und den Bränden im Mittelmeerraum, erst der erneute Bericht des wissenschaftlichen Weltklimarats führt den Meisten von uns vor Augen – und in der bedrängenden Wucht uns allen – was die Weltstunde geschlagen hat.

So sind wir Menschen wohl: Solange es nur geht, legen wir uns die Welt zurecht, wie sie uns am besten passt. Bequemlichkeit spielt dabei eine Rolle, vor allem aber wohl ein tief sitzendes Bedürfnis danach, uns selbst von Mitverantwortung frei zu sprechen und lieber andere anzuklagen, uns selbst aufzuwerten und andere abzuwerten. Luther nannte das mit dem Apostel Paulus des Menschen „Sünde“ und diagnostizierte diesen großangelegten Selbstrechtfertigungsversuch in jedem Bestreben, sich „vor Gott“ groß zu machen.

Für Luther war darum die lukanische Erzählung von einem Gleichnis Jesu – ob der historische Jesus es so hat sprechen können: Darüber streiten die Gelehrten – in ihrer Aussage denkbar klar: Der „Pharisäer“ war für ihn das Paradebeispiel für einen Menschen, der sich mit seinen vermeintlichen oder auch tatsächlich guten Werken vor Gott selbst gerecht spricht, während der Zolleinnehmer das Beispiel schlechthin für einen Menschen abgibt, der weiß, dass er allein aus der Barmherzigkeit und Gnade Gottes lebt und ewiges Leben erlangt, also „erhöht“ wird am Ende.

Nun hatte mein Kollege vor fast 40 Jahren mit seiner Verfremdung schon Wasser in diesen lutherischen Wein gegossen; denn die Frage ist ja tatsächlich, ob der Mensch, der auf die „Gnade“ Gottes setzt, und dies wie selbstverständlich, weil man ist ja „lutherisch“ … ob dieser Mensch nicht vielleicht höchst geschickt dasselbe tut wie der sprichwörtliche „Pharisäer“, nur eben anders religiös getarnt! Dieser Mensch setzt auf Gottes „Gnade“, genau genommen: auf seinen „Glauben“ an Gottes Gnade wie der „Pharisäer“ auf seine guten Taten. Er verlässt sich also genauso auf etwas ihm Eigenes wie der andere, nur, dass dies keine gute Tat ist, sondern sein „Glaube“, der „richtige“ Glaube, der einzig wahre, der evangelische oder auch „protestantische“ Glaube.

Wie oft haben „Protestanten“ in den letzten Jahrhunderten wohl insgeheim gedacht oder auch gebetet: „Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie jene Katholikin!“ Oder auch – und das mit den Katholiken gemeinsam: „Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie jene Juden!“ ?!

Ja, mit der „Gnade“ Gottes, der „Rechtfertigung allein aus Glauben“ ist das ein weltgeschichtlich bedeutsames Problem geworden, viel mehr und anders, als Luther sich das in seiner Zeit denken konnte.

Luther war am Ende seines Lebens verzweifelt, dass „die Juden“ das von ihm, Martin Luther, wieder zum Vorschein gebrachte biblische „Evangelium“ von der Liebe Gottes, die Gott allen Menschen als seine „Gnade“ zeigt, nicht annehmen konnten und wollten. Luther hielt das für Starrsinn, Rechthaberei, schlimmer noch: für eine gottgewirkte Verstockung der Juden als eines von Gott verdammten Volkes. Die nationalsozialistischen Hetzblätter konnten Luther passagenweise zitieren, um ihre Verbrechen mit der Autorität des „deutschen Reformators“ zu rechtfertigen.

Dietrich Bonhoeffer schrieb in seinem Buch „Nachfolge“ (1937) von der „billigen Gnade“ und meinte genau diesen „protestantischen“ Selbstbetrug, mit dem man unter Verweis auf Bibel, Paulus und Luther im Grunde sich selbst scheinbar fromm rechtfertigte, ohne Jesus Christus und ohne dem jüdischen Bergprediger tatsächlich „nachfolgen“ zu wollen. Die „Nachfolge“ aber, meinte Bonhoeffer hellsichtig, kann einen Menschen „teuer“ zu stehen kommen. Sie war sehr teuer für Jesus selbst. Sie kostete ihn sein Leben. Und sie kostet auch die, die ihm nachfolgen, auf jeden Fall ihr altes Leben. Da bleibt nichts, wie es war. Alles tritt ins Licht des Geistes Gottes. Für sich selbst ahnte Bonhoeffer schon seit 1934, dass es für ihn persönlich darüber hinaus auch buchstäblich sein Leben kosten könnte.

Was hat das alles mit uns zu tun?

Viel; denn die Weltlage ist so, auch durch unser eigenes Verhalten, privat und gesellschaftlich, dass es uns nun „teuer“ kommt. So oder so. Wenn wir nicht als ganze Gesellschaften in einem bisher ungekannten Maß in den Umbau unserer Wirtschaft und Technik, unseres Miteinanders, unseres persönlichen Lebensstils auch, investieren, nicht nur Geld, aber das auch, dann kommt es die Menschheit noch „teurer“; denn dann geht es für künftige und schon für die jetzt lebende Generation nicht um Wohlstandswahrung und etwas bessere Klimabedingungen, um weniger Artensterben und mehr Generationengerechtigkeit, sondern um die nackte Existenz.

Die gesamte Problematik ist zu groß für eine Predigt; aber der biblische Text kann uns dabei helfen, dass wir uns selbst heilsam auf die Schliche kommen. Und das ist nicht wenig in der gefährlichen Situation, in der wir sind.

Ganz egal, ob du „christlich“ „glaubst“ oder nicht, ob du jüdisch denkst oder in verschiedener Weise „spirituell“ oder einfach „rational“, wie du sagst, oder „realistisch“ … alles steht auf dem Prüfstand. Nicht nur die Frage der erneuerbaren Energien, der Stromtrassen und Speicher, der Flugmeilen und Urlaubsziele, der Steuern und Abgaben, des freuen Marktes und notwendiger Regulierungen … Das alles sollten wir nun im Vorfeld der Bundestagswahl ernsthaft diskutieren und unsere Schlüsse daraus ziehen.

Es geht um noch mehr, wohl eine oder zwei Ebenen tiefer im Gehäuse der menschlichen Seele und des Geistes. Im Bild zu bleiben: Es geht um das, was wir im Keller eingemacht und gehortet haben und um das, was wir im „Studio“ im Dach uns so ausdenken, für Pläne schmieden und Träume träumen. Es geht um Seele inklusive Psyche und um Geist.

„Was glauben wir wirklich, so, daß wir mit unserem Leben daran hängen?“ Aktueller als heute könnte Dietrich Bonhoeffers Frage vom August 1944 nicht sein?

„Was glaubst denn du?“ lautet das Motto unserer Konfirmandenfreizeit auf Langeoog. Was glaubst denn du, wer es richten soll in der Politik, in der Wirtschaft, im Sozialen? Was glaubst denn du, ob es „Gott gibt“ oder nicht gibt? Und glaubst du, dass du darüber entscheiden kannst, ob es Gott gibt oder nicht? Was heißt denn das eigentlich: „an“ Gott „glauben“?

Und hier nun lässt sich unsere kleine Erzählung neu zu Ehren bringen und neu lesen!

„Er sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: 10 Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. 11 Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. 12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. 13 Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! 14 Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“

Wir müssen nur einmal bewusst unsere lutherische Lesebrille absetzen und zur Seite legen. Was steht denn da?

Was lässt den „Zöllner“, diesen in der damaligen Gesellschaft verachteten Außenseiter und Kollaborateur mit den Besatzern, „gerechtfertigt“ in sein Haus gehen? Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust …

Heißt doch: Dieser Mensch kennt zumindest in diesem einen aufrichtigen Moment keinen Grund, warum er sein Leben „rechtfertigen“ könnte oder auch, warum er von irgendwem gerechtfertigt werden könnte.

Dieser Mensch weiß nichts von einem „richtigen“ Glauben. Er hat keine Vokabeln für seinen Zustand als diese drei: „Gott“, den er anruft, „Sünder“ für sich selbst“, und „gnädig“ für irgendeine Art von Ausblick und Zukunft in einer ansonsten verfahrenen und aussichtslos erscheinenden Lage.

„Gott, sei mir Sünder gnädig!“ Natürlich hat auch Luther so gebetet! Wer wüsste das nicht und traute es ihm nicht zu? Doch Luther wusste dann noch so viel anderes darüber hinaus, das seinen Glauben eben auch nur „rechtfertigen“ sollte. Und dieses „Wissen“ kam alle, die anders dachten, teuer zu stehen.

Und wir heute? Erheben uns weder über Luther noch über Lukas, wenn’s gut geht. Wir lesen diese alte kleine Erzählung, die uns den Spiegel vorhält. Wer bin da ich? Wirklich der demütige „Zöllner“? Tatsächlich? Wirklich der selbstbewusste „Pharisäer“, der seine eigene Rechnung aufmacht „vor Gott“? Bin ich überhaupt „vor Gott“? Glaube ich das? Oder ist meine Position nicht eine ganz andere, eine, die hier in der Erzählung gar nicht vorkommt, die undenkbar war für Jesus und für Lukas: Lebe ich nicht nur … vor mir? Bin nicht ich mir die einzige Instanz, die mich „rechtfertigt“, viel öfter aber vielleicht auch verurteilt“, „verdammt“, hätte Luther gesagt?

Leben wir, ob wir die Gottesdienste mitfeiern oder nicht, nicht alle im unterschiedlichen Maße „ohne Gott“? Ist das nicht das eigentliche Erschrecken, das zumindest möglich wäre, solange wir es nicht verdrängen: Dass wir vielleicht rettungslos nur uns selbst ausgeliefert sind? Und das in dieser Weltlage.

Gott, sei uns Sündern gnädig!

Bernd Vogel

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Ein Wort der Vorsitzenden zu Pfingsten 2021

„Der geschichtliche Jesus Christus ist die Kontinuität unserer Geschichte. Weil aber Jesus Christus der verheißene Messias des israelitisch-jüdischen Volkes war, darum geht die Reihe unserer Väter hinter die Erscheinung Jesu Christi zurück in das Volk Israel. Die abendländische Geschichte ist nach Gottes Willen mit dem Volk Israel unlöslich verbunden, nicht nur genetisch, sondern in echter unaufhörlicher Begegnung. Der Jude hält die Christusfrage offen. Er ist das Zeichen der freien Gnadenwahl und des verwerfenden Zornes Gottes, ‚schau an die Güte und den Ernst Gottes‘ (R 11,22). Eine Verstoßung d. Juden aus dem Abendland muß die Verstoßung Christi nach sich ziehen; denn Jesus Christus war Jude“ (DBW 6,95).

Dietrich Bonhoeffers vermutlich Ende 1941 geschriebener Text in seinem Ethik-Manuskript „Erbe und Verfall“ reflektiert unmittelbar zeitgeschichtliche Erfahrung. Bonhoeffer war mehr als andere im Bilde über die Gräueltaten an Juden in Deutschland und in den von Deutschen besetzten Gebieten. Vom für Bonhoeffer heimischen Bahnhof-Grunewald fuhren seit dem 18. Oktober 1941 die Güterzüge in die Vernichtungslager im Osten.

Können wir heute, unter ganz anderen kulturellen und gesellschaftlichen Bedingungen, mit Bonhoeffers Gewissheit etwas anfangen, dass der geschichtliche Jesus Christus die „Kontinuität unserer Geschichte“ sei? Bonhoeffer meinte mit dem „geschichtlichen“ Jesus Christus keine christliche Idee, nicht ein christliches Ethos und auch nicht den „historischen“ Menschen Jesus von Nazareth, von dem wir kaum etwas Sicheres wissen, weil die Evangelien und schon die Paulusbriefe eher ausführliche Predigten über Jesus Christus als biografische Erzählungen sind. Er meinte den Menschen Jesus als den „Gott in Menschengestalt!“ (8,558) als Mitte, Grund und Ziel der menschlichen Geschichte, ja der ganzen Weltwirklichkeit. Und von dieser nur dem glaubenden Menschen gewissen, ansonsten verborgenen Wahrheit sagte Bonhoeffer, dass sie „unlöslich“ mit dem Volk Israel verbunden sei. Israel, Kirche und die ganze abendländische Gesellschaft sind so sehr miteinander verbunden, dass eine Verstoßung des oder der Juden (im Manuskript abgekürzt: „d. Jude“) die Verstoßung Christi „nach sich ziehen“ würde. Und: „Der Jude hält die Christusfrage offen“. Das heißt mindestens: Es gibt keine christliche Glaubensgewissheit, keine erlösende und befreiende Kraft, kein Evangelium an der Existenz der Juden und Israels vorbei. Es gibt sie nur zusammen mit dem Volk Israel „in unaufhörlicher Begegnung“.

Was diese Sätze für den jüdisch-christlichen Dialog und eine Theologie nach der Shoah bedeuten können und müssen, ist woanders und vielfältig erörtert worden. Wir erinnern uns heute an Bonhoeffers Worte auf dem Hintergrund der unsäglichen antisemitischen Hassreden der letzten Wochen, wie sie auf den Straßen deutscher und europäischer Großstädte und im Netz hörbar und lesbar wurden. Zum selben Hintergrund gehört das seit der Gründung des Staates Israel ungelöste Drama zweier Völker, die beide mit heiligem Ernst einen exklusiven Anspruch auf dasselbe Fleckchen Erde erheben (Daniel Barenboim, 17.5.2021).

Wir haben zu lernen, angefangen in den Schulen, wie das möglich sein kann: den eigenen Schmerz über Demütigung und Unrecht, Wut, Todesangst und Todtraurigkeit auszudrücken und zugleich den ähnlichen Schmerz, die Wut, Angst und Traurigkeit im Nachbarn, Nachbarin wiederzuerkennen. Für Bonhoeffer war der Blick auf den Nächsten oder die Nachbarin eine Erfahrung des anderen Menschen als einer „Grenze“. Ich kann meine eigene Identität, von der heute viele in Konkurrenz zu den Identitäten anderer sprechen, gar nicht finden und behaupten, ohne mich durch den anderen Menschen, seine Identität und seine Ansprüche begrenzt zu finden. Für Bonhoeffer war diese Erfahrung des anderen Menschen als meiner Grenze vermittelt und gewissermaßen aufgehoben durch den Blick auf Jesus Christus. In seiner „Ethik“ lesen wir: „Gott und der Nächste, wie sie uns in Jesus Christus begegnen, sind ja nicht nur die Grenzen, sondern auch der Ursprung verantwortlichen Handelns. Unverantwortliches Handeln ist eben dadurch definiert, daß es diese Grenzen, Gott und den Nächsten, mißachtet. Verantwortliches Handeln gewinnt seine Einheit und schließlich auch seine Gewißheit aus dieser seiner Begrenztheit durch Gott und den Nächsten. Gerade weil es seiner selbst nicht Herr ist, weil es nicht grenzenlos, übermütig, sondern geschöpflich, demütig ist, kann es von einer letzten Freude und Zuversicht getragen sein, kann es sich in seinem Ursprung, Wesen und Ziel, in Christus, geborgen wissen“ (DBW 6,269).

In Jesus, der als einziger Mensch und von sich aus, aus göttlicher Freiheit, alle möglichen Ansprüche (das „Gesetz“) und Grenzen erfüllt und überschritten hat in seinem Tod am Kreuz, ist eine „echte unaufhörliche Begegnung“ überhaupt erst möglich. Glauben wir das? Und wie kann eine solche Begegnung gestaltet werden etwa zwischen Juden und Nicht-Juden heute in Deutschland? Wer auch immer das versucht – und es muss immer neu versucht werden! – muss bereit sein, alle möglichen Verletzungen und Interessen wahrzunehmen bei sich selbst und beim Gesprächspartner, der Gesprächspartnerin. Wie schwierig das ist, zeigen öffentliche Gespräche, wie sie im Zusammenhang mit der jüngsten kriegerischen Auseinandersetzung in Israel und Palästina sowie mit den antisemitisch gefärbten Demonstrationen und Gewaltakten gegen Synagogen geführt wurden. Jede Seite rechtfertigt sich, letztlich mit dem Opferstatus. Falsche Alternativen liegen schnell auf dem Tisch. Vielleicht ist es heute an den Christen und Christinnen, im Bewusstsein der Schuld von Kirche und Christentum an den Juden und an Israel, aber auch im Glauben an Jesus Christus, aus einer „letzten Freude und Zuversicht“ (Bonhoeffer) z. B. Trialoge anzuregen, das Gespräch mit Israelis wie mit Palästinensern zu suchen, es mit ihnen zu organisieren, nicht als religiöse oder politische Besserwisser, nicht mit dem Gestus moralischer Überlegenheit, sondern zuhörend, mitgehend, fragend. Gemeinsam vielleicht – vielleicht nur in wenigen seligen Momenten – dahin gelangen, wo der „geschichtliche Jesus Christus“ am Werk ist, so dass Friede und Gerechtigkeit erwachsen, wo niemand heute etwas davon sieht.

Veni Creator Spiritus!

Petra Roedenbeck-Wachsmann

Dr. Bernd Vogel