Christian Horn: Andacht zum Buß- und Bettag, November 2020

1. Jahr für Jahr treffen wir uns immer zwischen dem 9. und 11. November zu unserem theologischen Herbstforum, und so bleibt es nicht aus, dass wir uns regelmäßig auch an die Reichspogromnacht von 1938 erinnern. Wenige Tage danach, am Buß- und Bettag, hat damals Julius von Jan, Pfarrer von Oberlenningen (zwischen Bad Urach und der Burg Teck gelegen), über Jeremia 22,29 gepredigt: "O Land, Land, höre des Herrn Wort!" Seine Predigt kann man im Internet nachlesen. Er sagte damals: "Wo ist der Mann, der im Namen Gottes und der Gerechtigkeit ruft, wie Jeremia gerufen hat: Haltet Recht und Gerechtigkeit, errettet den Beraubten von des Frevlers Hand! Schindet nicht die Fremdlinge, Waisen und Witwen, und tut niemand Gewalt, und vergießt nicht unschuldig Blut! (Und er fuhr fort:) Gott hat uns solche Männer gesandt! Sie sind heute entweder im Konzentrationslager (wie z.B. Martin Niemöller seit 1. Juli 1937) oder mundtot gemacht." Von Jan wurde von SA-Leuten verhaftet und schwer misshandelt, kam aber mit dem Leben davon. Fast 1000 jüdisch-gläubige Mitbürger wurden dagegen in diesen November-Tagen 1938 ermordet, ca. 30.000 in KZs verschleppt und 1.400 Synagogen, Gebetsräume und Friedhöfe zerstört. Noch an einen weiteren Satz aus diesem 22. Kapitel des Propheten Jeremia will ich uns heute morgen erinnern: "Er half dem Elenden und Armen zum Recht, und es ging ihm wohl. Ist's nicht also, dass solches heißt mich erkennen? spricht der Herr." Gotteserkenntnis durch das Eintreten für die, die unsere Hilfe brauchen!

2. Eine nicht weniger erinnerungswürdige Predigt zum Buß- und Bettag 1938 hielt Helmut Gollwitzer, zu der Zeit (halblegaler [1]) Nachfolger von Martin Niemöller Pfarrer in Berlin-Dahlem Er hielt sie über die Bußpredigt von Johannes d.Täufer (Lk 3,3-14 [2]) und fragte: "Wer soll denn heute noch predigen? Ringsum brennen Gotteshäuser! Wer soll denn heute noch Buße predigen? Ist uns nicht allen der Mund gestopft an diesem Tag? Was muten wir Gott zu, wenn wir jetzt zu Ihm kommen und singen und die Bibel lesen, beten, predigen, unsere Sünden bekennen, so als ob damit zu rechnen ist, dass Er noch da ist und (hier bei uns) nicht nur ein leerer Religionsbetrieb abläuft! Ekeln muss es ihn doch vor unserer Dreistigkeit und Vermessenheit. Warum schweigen wir nicht wenigstens? Es wäre vielleicht das Richtigste, wir säßen heute hier nur schweigend eine Stunde lang zusammen, wir würden nicht singen, nicht beten, nicht reden, nur uns schweigend darauf vorbereiten, dass die Strafen Gottes, in denen wir schon mitten drin stecken, offenbar und sichtbar werden ... Ringsum brennen Gotteshäuser. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. (Nach einer Zeit des Schweigens las er dann die Zehn Gebote vor. (Die sich daran erinnern, empfanden das wie Hammerschläge. Und im Anschluss daran wiederholte er:) Ringsum brennen Gotteshäuser."

3. Noch eine dritte Erinnerung heute Morgen zu den Ereignissen vor 82 Jahren. Ich widme sie Paul Celan, der am 23. November 1920, also vor 100 Jahren in Czernowitz zur Welt gekommen ist. Als deutschsprachiger Lyriker jüdischen Bekenntnisses hatte er durch den Holocaust seine Eltern verloren und auf schmerzlichen Wegen das Judentum, seine jüdisch-religiösen Wurzeln wiederentdeckt. Mehr zufälligerweise war Celan auf der Durchreise von Krakau über Berlin nach Paris ausgerechnet am 10 November 1938 in Berlin angekommen. Von Berlin hat er bei einem kurzen Halt nicht viel gesehen und von den Ereignissen in der Nacht wahrscheinlich erst später erfahren. Über die deutsche Sprache, seine Muttersprache, sagte er: sie musste "hindurchgehen durch furchtbares Verstummen, hindurchgehen durch die tausend Finsternisse todbringender Rede." In vielen seiner Gedichte klingt sein religiöses Suchen an. In einem Gedicht von ihm heißt es:

"Einmal
da hörte ich ihn,
da wusch er die Welt
ungesehn, nachtlang
...
Licht war Rettung"
[3]

Die Welt waschen, ihre Schuld abwaschen! Wer wusch? "Ich hörte IHN!" ER wusch. Was für ein Bild, was für ein Gedanke von einem der nicht loskam vom Schicksal seiner Familie, seines Volkes. Und dann: "Licht war Rettung". Licht, die Metapher für Hoffnung, die für Celan so wichtig war. Hoffnung, ein kleiner Rest Hoffnung schimmert immer wieder durch bei Celan, gegen alle (meist viel zu optimistische) Hoffnung und gegen alle Hoffnungslosigkeit! Ein anderes Gedicht endet sogar mit den hebräischen Worten: "kumi ori", ein Zitat aus Jesaja 60,1: "Mache dich auf, steh auf Jerusalem, "erheyff dich", werde Licht, "lichte"! [4] Mache du, sei du selber: Licht! Doch dann wieder ganz resignativ: "Es gibt (nur) noch Lieder zu singen jenseits der Menschen"! Das klingt so, als gäbe es auch Licht und Hoffnung nur jenseits der Menschen (Doch was bedeutet dieses "jenseits der Menschen"? Erst wenn es keine Menschen mehr gibt? Oder: von jenseits der Menschen her?)! Wie anders klingt dagegen doch der Satz von Rose Ausländer (1901-1988), der Dichter-Kollegin, die ebenfalls aus Czernowitz stammte. Sie kannten sich. Auch sie war als Jüdin dem Holocaust entkommen, wie er. Bei ihr heißt es: "Ein Lied erfinden heißt geboren werden und tapfer singen von Geburt zu Geburt:"

4. In einer vierten und letzter Erinnerung heute morgen lasse ich Dietrich Bonhoeffer mit einigen Sätzen zu Wort kommen, die man in einem Brief an Gandhi nachlesen kann, der erst vor zwei Jahren im Gandhi-Archiv in New Delhi gefunden wurde. Bonhoeffer spricht – schon 1934 – von einer "tiefen geistlichen Not", ja von einem "gefährlichen Fieber", an dem "Europa und Deutschland leiden". Grund sei, dass "die Botschaft Christi immer mehr nachdenkliche Menschen enttäusche" und zwar "auf Grund ihrer gegenwärtigen (kirchlichen, d.Vf.) Organisationsform. Bonhoeffer empfindet die Notwendigkeit, "die organisierte Christenheit zu einer grundlegenden Erneuerung zu bewegen; aber die meisten organisierten Körperschaften der christlichen Kirche wollen die tatsächliche Herausforderung nicht wahrnehmen. Die westliche Christenheit muss (so Bonhoeffer) aus der Bergpredigt neu geboren werden, das ist der entscheidende Grund, warum ich Ihnen schreibe." Wir haben zwar (sagt Bonhoeffer) große Theologen in Deutschland", der größte sei nach seiner Überzeugung Karl Barth, "aber keiner zeigt uns den Weg zu einem neuen christlichen Leben in kompromissloser Übereinstimmung mit der Bergpredigt. In dieser Hinsicht suche ich bei Ihnen Hilfe." [5]

Meine Frage an uns heute ist, ob wir uns nicht gegenwärtig in einer ganz ähnlich kritischen Situation befinden – als Gesellschaft und als Kirche – (in einer ganz ähnlich kritischen Situation) wie damals, wenn wir an die globalen Nöte und Krisen unserer Zeit denken und an unsere geistliche Lähmung angesichts einer alles dominierenden und unseren Planeten gefährdenden kapitalistischen Wirtschaftsform. Und keiner oder nur wenige merken's. So dass auch heute gelten müsste: "O Land, Land, höre des Herrn Wort!" Und nicht vergessen das andere, so nötige: "Einmal / da hörte ich ihn, / da wusch er die Welt / ..."

Amen.


[1]Vgl. dazu genaueres bei: Gottfried Orth, "Helmut Gollwitzer. Zur Solidarität befreit", 23 (Anmerkung 2)
[2]Vgl. dazu Andreas Pangritz, "Vergegnungen, Umbrüche, Aufbrüche. Beiträge zur Theologie des christlich-jüdischen Verständnisses", 96ff):
[3]Paul Celan: "Gedichte", Bd. II (Suhrkamp Bibliothek), 107
[4]A.a.O., 327
[5]Der Brief Bonhoeffers an Gandhi ist wiedergegeben in der Zeitschrift "Verantwortung" des Dietrich Bonhoeffer-Vereins (Nr. 65/Juni 2020, S. 23f)