Monatsspruch für Oktober 2020

Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's euch auch wohl. Jeremia 29, 7

Wir werden uns einrichten müssen auf, wir werden uns arrangieren müssen mit diesem Virus. Unser Leben, unser Miteinander wird nachhaltig geprägt sein von Bildern wie diesen: Auf Schulhöfen werden wir kleine Kinder mit Masken geschützt spielen sehen, wir werden in ihren Augen die Zurückhaltung wahrnehmen, die sie im Umgang mit anderen nun schon eingeübt und inhaliert haben. Wir werden als besorgte Großeltern unsere Enkel daran erinnern, Abstand zu halten zu anderen Menschen, auch wenn uns das ganz und gar gegen den Strich geht und wir doch einmal anderes für die Zukunft erhofften: den anderen, den Nächsten nicht als potentielle Gefahr, ja als Bedrohung wahrnehmen, sondern Offenheit und freundliche Neugier für den oder die andere, das war doch einmal unser Gedanke im menschlichen Miteinander, auch gespeist aus dem höchsten Gebot, dem Königsweg Christi: Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst … bis hin zum provozierenden Gebot der Feindesliebe der Bergpredigt.

Das neue „Liebesgebot“ sei nun das „Social Distancing“, predigen unsere Bischöfe und Lehrenden. Ist das so?

„Suchet der Stadt Bestes“, schreibt der Prophet Jeremia vor ca. 2500 Jahren an die nach Babel „weggeführten“ Eliten Judas nach dem Fall Jerusalems und der Zerstörung des Tempels im Jahre 587 vor Christus.

Dietrich Bonhoeffer, dem der Prophet Jeremia zum Seelenfreund wird, zitiert diese Textstelle nur einmal und zwar im Zusammenhang des sog. Taufbriefes im Mai 1944. Er schreibt: „Es mögen Ereignisse und Verhältnisse eintreten, die über unsere Wünsche und Rechte hinweggehen“ – und er meint an dieser Stelle tatsächlich angestammte Privilegien seines bürgerlichen Umfeldes – „Dann werden wir uns nicht in verbittertem und unfruchtbarem Stolz, sondern in bewußter Beugung unter ein göttliches Gericht und in weitherziger und selbstloser Teilnahme am Ganzen und an den Leiden unserer Mitmenschen als lebensstark erweisen […] ‚Suchet er Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn‘ (Jer 29,7).“ (DBW VIII, 434 f.).

Jeremia hat nicht das Wohl der Stadt des Exils als erstes im Blick, sondern, ihm geht es darum, den Eliten Judas deutlich zu machen: ihr werdet euch einstellen müssen auf die neue Situation, ihr werdet euch zu arrangieren haben mit eurem Exil, denn es wird nicht schnell vorbei sein, wie euch falsche Propheten immer und immer wieder einreden wollen.

Von „falschen Propheten“ könnten wir ein Lied singen, wenn wir denn singen dürften in unseren Gottesdiensten, von den „Propheten“ nämlich, die von Freiheit schwadronieren, wenn sie Rücksichtslosigkeit meinen, die den Menschen nach dem Mund reden, die es satt und müde sind, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen, die noch vor kurzem „wir sind das Volk“ brüllten und sich nun sorgen „um die Demokratie“. Eine merkwürdige Melange von Nationalist*innen, Impfgegner*innen, Verschwörungstheoretiker*innen unter den Esoteriker*innen, die da auf der Leimspur dieser Scheinweisen tanzen.

Und … hatte Gott nicht gesprochen am 7. Tag, dem Tag der Gottesruhe, dass diese Schöpfung „gut“ sei und wer hat denn nun „Schuld“ an diesem Virus, der uns um unsere Ruhe bringt?

Auch dieses Virus ist Teil einer Welt, die mit tödlicher Krankheit zu rechnen hat. Die Bibel weiß davon zu erzählen in eben diesem Schöpfungsbericht in Genesis 1 des Alten Testaments. In dem schönen alten Schöpfungsmythos ist ja nicht erzählt von einer unüberbietbaren Schöpfung, von der Schöpfungsromantiker so gerne predigen. Wesentlich wird erzählt von Gott, der das Chaos überwindet. Diese Schöpfung Gottes aber bleibt eine gefährdete; gefährdet durch die immer neu einbrechende Nacht (Karl Barth).

Das zu wissen und mitlaufend zu denken, könnte uns dazu einladen, Mitverantwortung zu übernehmen für unsere „Stadt“, für unser Leben und das der anderen, selbstbewusst und kreativ neue Formen der Nähe zum Nächsten zu suchen als Christ*innen, denn „suchet der Stadt Bestes (…) und betet für sie“: Tun und Beten, Beten und Tun… aus welcher Motivation auch immer.

Petra Roedenbeck-Wachsmann