Predigt am 29. März 2020 in der Grunewaldkirche

Predigt Sonntag Judika 29.3.2020 in der Grunewald-Kirche / Frühjahrstagung des Dietrich-Bonhoeffer-Vereins 27.-29.3.2020 / Hebräer 13, (7-11)12-14

(Gedenkt eurer Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben; ihr Ende schaut an und folgt dem Beispiel ihres Glaubens. Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade, nicht durch Speisegebote, von denen keinen Nutzen haben, die danach leben. Wir haben einen Altar, von dem zu essen denen nicht erlaubt ist, die am Zelt dienen. Denn die Leiber der Tiere, deren Blut durch den Hohenpriester als Sündopfer in das Heilige getragen wird, werden außerhalb des Lagers verbrannt.)

Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Gedenkt eurer Lehrer (und Lehrerinnen), die euch das Wort Gottes gesagt haben.

Der Verfasser des sogenannten „Briefes“ „an die Hebräer“, eigentlich eine frühchristliche Lehrpredigt im großen Stil, spricht von sich selbst.

Eine angeblich „christliche“ „Bescheidenheit“ ist ihm fremd. Nehmt das sehr ernst und zu Herzen, was ich euch gepredigt habe! So ungefähr meint es der unbekannte Verfasser, vielleicht Barnabas, ein zeitweiliger Begleiter des Paulus um das Jahr 70, kurz vor der Katastrophe des Untergangs des 2. Tempels.

Wer die Gefängnisbriefe Dietrich Bonhoeffers viele Jahre meditiert hat, kommt nicht um den Eindruck herum, dass auch hier gelegentlich und sehr bewusst ein „Lehrer der Kirche“, mindestens ein „Lehrer der Bibel“ seinem theologischen Schüler schreibt.

Ohne Person und Lebensleistung Eberhard Bethges schmälern zu wollen, entsteht beim Lesen ihrer beider Briefe das Bild eines Lehrers, der den Schüler zwar als Gesprächspartner dringend bräuchte, der aber doch weiß und damit leben muss und auch leben kann, dass dieser ihm nicht nur aufgrund der räumlichen Distanz nicht auf Augenhöhe kommen kann, dass er, der Freund, vielmehr der treue Schüler bleiben wird, der mit all seinen Kräften eines Tages weitergeben soll, was der Lehrer in ihrer gemeinsamen Zeit gedacht, gesagt, geschrieben und dabei vielleicht gemeint haben könnte.

Es geht um die Weitergabe einer Lehre und um ihr Verstehen. So im Hebräerbrief. So in den Gefängnisbriefen.

Gedenkt eurer Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben.

Gedenkt ihrer Lehre, heißt das für den Verfasser des Hebräerbriefs. Gedenkt aber auch ihres gelebten „Vorbildes“. So ist vor allem des „Gesandten und Hohen Priester Jesus“ (Hebr. 3,1) zu gedenken, „der treu war dem, der ihn erschaffen hat, wie auch Mose treu war“ (3,2).

Im August 1944 notierte Dietrich Bonhoeffer: „[Die Kirche] wird die Bedeutung des menschlichen ‚Vorbildes‘ (das in der Menschheit Jesu seinen Ursprung hat und bei Paulus so wichtig ist!) nicht unterschätzen dürfen; nicht durch Begriffe, sondern durch das Vorbild bekommt ihr Wort Nachdruck und Kraft. (über das ‚Vorbild‘ im NT schreibe ich noch besonders! Der Gedanke ist uns fast ganz abhanden ekommen!)“ (DBW 8, 560f.).

Gedenkt eurer Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben; ihr Ende schaut an und folgt dem Beispiel ihres Glaubens. Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.

75 Jahre nach der Ermordung Dietrich Bonhoeffers und seines Bruders Klaus – beide jahrelang wohnhaft hier ganz in der Nähe – seines Freundes Rüdiger Schleicher und so vieler anderer Freunde und Gleichgesinnter können wir nicht anders, als „ihr Ende“ anzuschauen und das „Beispiel ihres Glaubens“, ihrer Lebenshaltung zumindest zu würdigen.

Ob wir heute diesen Zeugen, diesen Lehrern des Glaubens „nachfolgen“, steht auf einem anderen Blatt. Der Verfasser des Hebräerbriefs meinte es konkret, so konkret, wie Dietrich Bonhoeffer es für sich verstehen musste: Folge dem Jesus nach, komme, was da wolle …

Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade, nicht durch Speisegebote, von denen keinen Nutzen haben, die danach leben.

Es gibt in Bonhoeffers literarischem Werk diverse Bezüge auf Hebräer 13,9, so z. B. in indirekter Form in einem Brief an Bethge vom 2. Advent 1943:

„[…] nicht nur die Angst, wie ich sie hier bei jedem neuen Luftalarm bei den Leuten immer neu erlebe, ist ansteckend, sondern auch die Ruhe und die Freude, mit der wir dem jeweils Auferlegten begegnen. Ja, ich glaube, die stärkste Autorität bildet sich durch solche Haltung, - wenn sie nicht zur schau getragen, sondern echt und selbstverständlich ist. Die Menschen suchen einen ruhenden Pol und richten sich nach ihm aus. Ich glaube; Draufgängertypen sind wir beide nicht, aber das hat mit dem Herzen, das durch Gnade fest wird [Hebr. 13.9] auch nichts zu tun. Ich spüre übrigens immer mehr, wie alttestamentlich ich denke […] Wer zu schnell und zu direkt neutestamentlich sein und empfinden will, ist m.E. kein Christ. […] Wir leben im Vorletzten und glauben das Letzte, ist es nicht so? (Lutheraner (sogenannte!) und Pietisten würden eine Gänsehaut bei diesen Gedanken kriegen …“ (2. Advent 1943 an Eberhard Bethge, DBW 8, 226).

Speisegebote im weitesten Sinne haben Dietrich Bonhoeffer lebenslang nicht interessiert. Ob er zur Passionszeit gefastet hat, wissen wir nicht. Heute gibt jede Menge Fastenbegleiter und einige zu „7 Wochen mit Dietrich Bonhoeffer“, sinnvoller vielleicht als „7 Wochen ohne Pessimismus“ …; aber in dieser Hinsicht, bei Reisen, Kleidung, Essen und Trinken … war Bonhoeffer selbst eher ein Genießer und ein Lebenskünstler, einer, der es sich in aller Freiheit gut gehen lassen konnte. So kannte er es von zuhause. Da wurde immer etwas gebacken und in der Küche kreiert. Und es war Geld da für gute Kleidung und für das Wochenendhaus in Friedrichsbrunn im Harz und für Reisen, für Bildung und Kunst.

Doch das das Herz fest werde – d a s hat ihn sehr interessiert. Er war ein einfühlsamer Junge, ein sensibles Kind. Der musisch Begabte war zugleich körperlich kräftig und raufte sich eine Zeitlang auch gern. Er wollte sich messen und wollte gewinnen. Er war ehrgeizig, so sehr, dass einer der Gründe für seine lebenslang wiederkehrenden depressiven Attacken der eigene Abscheu vor der eigenen Stärke wurde. Aber tiefer noch lag in ihm die Angst vor dem Tod, die er – typisch für ihn – in ihr Gegenteil verkehrte: Der, der als Sechsjähriger zeitweilig in Richtung Schule begleitet werden musste, weil er Angst hatte, auf dem Weg alleine über eine hohe Brücke gehen zu müssen, träumte zeitweilig von einem heroischen Tod. Und schämte sich nun auch dafür später wieder.

Psychologisch ist das alles sehr interessant; aber im Sinne Bonhoeffers ist es interessanter, auf die theologische Seite der Medaille zu schauen.

[…] es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.

„Draufgängertypen sind wir beide nicht, aber das hat mit dem Herzen, das durch Gnade fest wird [Hebr. 13.9] auch nichts zu tun. Ich spüre übrigens immer mehr, wie alttestamentlich ich denke …“

Immer wieder bricht Dietrich Bonhoeffer eine beginnende psychische Introspektion, eine Untersuchung seiner eigenen Seelengründe, Gefühle, Motive und letztlich auch die Frage „Wer bin ich?“ ab. Er erfährt bei aller Grübelei keine Gewissheit, die er braucht, um sein Lebenswagnis durchhalten zu können.

„Einsames Fragen treibt mit mir Spott“ (DBW 8, 514). „Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“ (ebd.).

Das ist die Wendung vom Psychologischen ins Theologische, Bonhoeffer hätte eher gesagt: vom Phraseologischen ins Wirkliche, in das Wagnis der Tat. Die Gedanken, die letztlich nur um mich kreisen, machen mich einsam. Sie machen mir auch Angst. Sie führen mich nirgendwohin als immer nur zu mir selbst zurück. Sie sind, um mit Luther zu sprechen, Ausdruck und Energie eines in sich verkrümmten, eines ausschließlich auf sich selbst fixierten Herzens.

Dass das Herz fest werde, geschieht durch Gnade.

Da müssen wir beide: Du, Eberhard, an der Kriegsfront in Italien, und ich, hier im Gefängnis in Berlin-Tegel, keine „Draufgängertypen“ sein oder zu sein vorgeben. Wir müssen nicht den tapferen Kerl spielen, den wild entschlossenen Mann, den Typus Mensch, den wir mit einiger Mühe dann aus uns selbst „gemacht“ hätten. Wir müssen überhaupt nicht etwas aus uns machen, „sei es einen Heiligen oder einen bekehrten Sünder oder einen Kirchenmann […], einen Gerechten oder einen Ungerechten, einen Kranken oder einen Gesunden“ (21.7. 1944, DBW 8, 542).

Dass das Herz fest werde, geschieht durch Gnade.

„Gnade“. Eines dieser großen christlichen Worte, die Bonhoeffer selbst fraglich wurden. Nicht ihr Inhalt, nicht ihr Gehalt, aber ihre Bedeutung für den – wie er sagte – „religionslosen“ Menschen, ob Bürgerin, ob Arbeiter, ob Politiker, ob Wirtschaftler oder Wissenschaftlerin.

Es geschieht durch Gnade, dass das Herz fest wird. Dietrich meinte im Brief an Eberhard damit eine Lebenshaltung, mit der Menschen zum ruhenden Pol werden, Autorität ausstrahlen. Da ist er: der „Gutsherr“, der aus seinem Schloss tritt, der – alles Zitate aus dem Gedicht „Wer bin ich?“ – mit seinen Bewachern freundlich und klar spricht, als habe in Wahrheit er, der Gefangene, zu gebieten.

Es geschieht durch Gnade. Das hieß für ihn: Es geschieht nicht durch die „Erziehung“ der Eltern! Das mag überraschen! Hatte er nicht Zeit seines Lebens von den „guten Mächten“ gezehrt, die hier in der Wangenheimstraße zuhause waren? War es nicht die Erziehung der Eltern und von Maria Horn, von den Kindern „Hörnchen“ genannt, die die Kinder ermutigte, Freiheit und Verantwortung, Bildung und Gemeinschaft von früh auf hoch zu schätzen?

Ja – und nein: Dietrich Bonhoeffer hatte mit seinem Glauben, seiner zwar am Ende anders akzentuierten, aber lebenslangen Wertschätzung der Kirche als der „Gemeinschaft der Heiligen“ eine Art „letzte“ Sicherung in sein Lebenskonzept eingebaut, die ihn davor bewahrte, dass ihm Menschen je zu nahe kommen konnten, unangenehm nahe, so nahe, dass sie ihm sein „Geheimnis“, das Geheimnis seiner für Menschen unverfügbaren Person, hätten vielleicht rauben können.

Und diese „Sicherung“, der Inbegriff des „Geheimnisses“ seiner eigenen Person hatte einen Namen. ER war eine Person, ihm näher als alle anderen. Er hieß für ihn Jesus Christus oder am Ende: der „Mensch Jesus“.

Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.

Egal, wie sehr wir an Bonhoeffer herumdoktern, sein Kirchenverständnis unter die Lupe nehmen, wie wir auf dieser Tagung getan haben, ob wir versuchen, seine Äußerungen von damals heute in unserer Welt neu zum Klingen zu bringen, ob wir versuchen, ihn weiterzudenken, das gewaltsam abgebrochene Fragment seiner Gefängnistheologie vielleicht fortführend, ob wir meinen, hier und da endlich herausgefunden zu haben, was er mit der „nicht-religiösen Interpretation der biblischen und theologischen Begriffe“ gemeint habe und jedenfalls, was wir darunter verstehen möchten – was ja zwei völlig verschiedene Dinge sind … das Ganze einmal hintan gestellt: Bonhoeffer hat sich von der Zentralstellung der Person Jesu Christi nie abbringen lassen. Er hätte seinen Jesum nie gelassen.

Ob wir heute die Rede von Jesus Christus, von Rechtfertigung des Sünders, von Gnade … für so ziemlich das Unverdaulichste, Schwerste halten, was wir selbst in unseren Kirchengemeinden, ob Stadt, ob Land, ob Süd, West, Nord und Ostdeutschland kaum so zur Sprache bringen können, dass- wie Bonhoeffer es erhoffte – „sich die Welt darunter verändert und erneuert“ (sog. Taufbrief, DBW 8, 436), ob wir selbst also lieber diese alten, großen Worte vermeiden oder umsprechen wollten oder neu interpretieren: Gott als unpersönliche Kraft, als positive Energie, Jesus Christus als der vorbildliche Mensch, die Bibel nicht als Zeugnis des „Wortes Gottes“ – so für Bonhoeffer – sondern vielleicht als Buch der Tradition, als Sammlung von zum Teil hervorragenden, zum Teil auch merkwürdig abständigen Erzählungen, Gesetzen, antiken Weisheiten … ob wir heute meinten, wir müssten und könnten ganz anders, ganz neu von „Gott“ reden und vom „Menschen“, und wir müssten das auch, weil „uns“, uns Kirchenverbundene, doch sonst niemand mehr versteht und unsere „message“ interessant findet, irgendwie wichtig für das Leben und Überleben der Menschheit … ob „uns“ in unserer Unterschiedlichkeit, wie wir hier sitzen, also gefällt oder nicht: Der Dietrich Bonhoeffer, um den es uns diese 2 Tage zu Gast in dieser gastfreundlichen Gemeinde gegangen ist, ist dabei geblieben: Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.

Was bedeutet das uns, je einzeln und „uns? Was glauben wir wirklich? Bonhoeffer ergänze: „so, daß wir mit unserem Leben daran hängen?“ (DBW 8, 559). Das wäre ja die nächste Frage: Hängt unser Glaube an unserem Leben? Oder hängen wir mit unserem Leben am Glauben? So meinte es Bonhoeffer. Der fremde Bonhoeffer. Wir werden nicht mit ihm fertig.

Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Das wäre das nächste Fass, das aufzumachen wäre: Der Hebräerbrief, die Lehrpredigt des Barnabas, oder wie immer er hieß, über den Hohenpriester Jesus Christus, der ein für alle Mal das eine Opfer, das Selbstopfer, sich selbst zum Opfer bringen musste, auf dass menschliches Leben in Freiheit und Verantwortung überhaupt möglich würde.

Da zucken manche von uns zusammen und rufen nach der Reform des Glaubens und meinen Bonhoeffer an ihrer Seite zu haben. Ich bin mir nicht sicher, ob zu Recht. In der aus einer Turnhalle erbauten Kapelle im Predigerseminar Finkenwalde hatte die Bekennende Kirche, sicher mit Einverständnis Bonhoeffers, als christologisches Bekenntnis den Schriftzug „HAPAX“ anbringen lassen: „ein für alle Mal“ – ein Hinweis auf das ein für alle Mal rettende Selbstopfer Jesu Christi nach dem Hebräerbrief, Kapitel 7. Wahr ist: Der Opfer- oder auch Sühnetod Jesu war Bonhoeffer nicht wichtig wegen des persönlichen Seelenheils. Er hielt die Konzentration auf „Seelenheil“ überhaupt für unbiblisch; und „Rechtfertigung“ hatte für ihn am Ende weniger mit Sündenstraferlass zu tun, als mit der Eröffnung eines Lebens im Vertrauen auf Gott „in den Tatsachen“, selbst der für ihn schlimmsten: der „Tatsache“ seines wahrscheinlich gewaltsamen Todes. Die „Rechtfertigung“ darin lag für ihn darin, dass Gott ihn „führe“, zu „sich“, zu Gott führe. Rechtfertigung war für Bonhoeffer keine Frage von Wertschätzung und Anerkennung, wie viele heute sagen. Es ging ihm um letzte Zugehörigkeit.

Er suchte die zukünftige Stadt. Hier auf der Erde. Den Himmel inklusive. Diese Sehnsucht hat ihn getrieben und hat ihn getragen. Bis zuletzt. Hinauszugehen vor das Tor … das war der Eintritt in den Widerstand. Christi Schmach zu tragen. Das war seine Buße für das, was sein Volk den Juden angetan hatte. Darin lag für ihn, verborgen, das „Heil“, wie immer wir nun dieses große Wort übersetzen.

Gedenkt eurer Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben.