Dienstag 26. Mai 2020

Der HERR schaut vom Himmel auf die Menschenkinder, dass er sehe, ob jemand klug sei und nach Gott frage.

Psalm 14,2

Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

Römer 12,2

Was für ein schönes Bild: Der „HERR“ „schaut vom Himmel auf die Menschenkinder“.

Das könnte ein Satz aus einem Märchen sein. Und warum schaut er herab? Will er sehen, ob alles nach Plan läuft, alles nach Vorschrift? Ist der „liebe“ gar ein böser Gott, der nur strafen möchte? Gott schaut, dass er sehe, ob jemand klug sei und nach Gott frage. Im nächsten Vers heißt es dann: „Aber sie sind alle abgewichen und allesamt verdorben; da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer“ (Ps 14,3). „Schade“, möchte ich sagen. Das war der erwartbare moralische Ton: Allzu oft geht es um Reinheit und Verdorbenheit, um richtiges und falsches Tun und um einen Gott, der das Sein, Trachten und Tun der Menschen beurteilt.

Dabei ließe sich der Halbsatz, ob jemand klug sei und nach Gott frage, auch so verstehen: Gott fragt nach seinem Geschöpf, sehnt sich, bildlich gesprochen, nach Gemeinschaft mit ihm und auch danach, mit ihm zusammen die Erde zu „bebauen und zu bewahren“ (1. Mose 2,15). So verstanden, wäre die Nachfrage Gottes weniger moralische Generalverdächtigung oder Generalanklage („aber sie sind alle abgewichen …“), sondern der Wunsch Gottes, bildlich gesprochen, nach einer besseren Welt.

Wie lesen wir solche und andere Bibeltexte? Wie legen wir sie aus? Gibt es da gesicherte Methoden; oder kann es jede und jeder spontan und „subjektiv“? Hilft uns die Universitätstheologie dabei? Ist von denen etwas dazu zu lernen?

Der Theologe Rudolf Bultmann (1884-1976) hat vor ca. 80 Jahren dem, wie er sagte, „modernen Menschen“ helfen wollen, die Kernbotschaft der Bibel offen zu legen und zu verstehen, wie er selbst sie verstand, nämlich: Der Mensch solle durch das „Wort“ christlicher Predigt vor die für ein Menschenleben einzig wesentliche „Entscheidungsfrage“ gestellt werden: 1. Er oder sie könne „dieser Welt gleich“ (Röm. 12,2) ein „natürlicher Mensch“ (Luther / Bultmann) bleiben und an sich selbst festhalten, das eigene Leben mehr oder minder meistern und auch „rechtfertigen“, oder aber seine eigene „Nichtigkeit“ anerkennen, sein „Sein zum Tode“ und sich die „Gnade“ Gottes buchstäblich zusprechen lassen: Du, Mensch, lebst nur, in Zeit und Ewigkeit, durch das Geschenk der dich rechtfertigenden Tat Gottes in Jesus Christus. Ohne den Glauben an Jesus Christus bist du dem zeitlichen und ewigen Tod verfallen.

Um die Hörer und Hörerinnen christlicher Predigt an diesen entscheidenden Punkt zu führen, an dem diese „Entscheidungsfrage“ allererst verstanden und vielleicht dann beantwortet werden kann, hatte Bultmann eine bestimmte Methode der Bibelauslegung im Gepäck.

Er nannte es die „Entmythologisierung“. Bultmann meinte, es sei dem aufgeklärten und naturwissenschaftlich informierten „modernen Menschen“ nicht mehr zuzumuten, sich mit antiken Weltbildern abzumühen wie etwa dem, dass der HERR vom Himmel auf die Menschenkinder schaue, dass er sehe, ob jemand klug sei und nach Gott frage (s. o.).

Mindestens Heranwachsenden und Erwachsenen seien solche Vorstellungen ein völlig unnötiges Glaubenshindernis. Die Prediger*innen sollten den Mut haben, das ganze antiquierte mythologische Weltbild mit dem „Himmel“ „oben“ und der Erde „unten“ und einer „Hölle“ unter der Erde, mit einem „Gott“, der im „Himmel“ „wohnt“, der „herabfährt“, der – in seinem Sohn – als wiederbelebter Leichnam das Grab verlässt, zum Himmel „auffährt“, von dort eines Tages „wiederkommen“ wird, um den „Teufel“ zu besiegen usw. hinter sich zu lassen, die Gemeinde aufzuklären im Sinne der Erkenntnisse der theologischen Wissenschaft und ihres modernen Zugangs zu den Bibeltexten.

Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) hat schon 1944 Bultmanns Redlichkeit geschätzt; aber er selbst wollte die Bibel anders auslegen als Bultmann und meinte ausdrücklich gegen dessen „Entmythologisierung“:

„[…] das N.T. [Neue Testament] ist nicht eine mythologische Einkleidung einer allgemeinen Wahrheit!, sondern diese Mythologie (Auferstehung etc.) ist die Sache selbst!“ (DBW 8, 482).

Sollte Bonhoeffer Recht haben, bedeutet das für Bibellesende mindestens das:

  • Wir dürfen und können uns ganz auf die Erzählung einlassen, wie sie „da steht“.
  • Wir dürfen den Autorinnen und Autoren der Bibel zutrauen, dass auch sie schon wussten, dass in der „normalen“ Wirklichkeit kein Grab „leer“ wird durch eine mirakulöse „Auferstehung“ des da hinein gelegten Toten, dass es kein „Totenreich“ „unten“ gibt und keinen „Himmel“, in den jemand „auffahren“ könnte usw.
  • Wir dürfen der Kraft der Erzählungen und der Poesie der Worte zutrauen, dass uns ihr „Sinn“ aufgehen kann als eine „Erleuchtung“, wenn wir uns nur auf den Richtungssinn und die Energie der Texte und Worte einlassen – wie bei einem Gedicht von Hölderlin oder Lasker-Schüler, einem Musikstück von Bach oder den Beatles. Das Gelesene „macht“ etwas mit uns. Das ist der Ur-Sinn des Wortes „Poesie“.
  • Wir können, wenn wir es so glauben, glauben, dass in, mit und unter unserer je persönlichen „Auslegung“ des biblischen Textes es geschehen kann, dass uns – in „mythologischer Redeweise gesprochen – ein „Wort“ begegnet, trifft, herausfordert, tröstet als das „Wort Gottes“.

Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

Das Paulus-Wort aus dem Brief an die Gemeinde in Rom zielt in die gleiche Richtung. Nur die Sprache ist eine andere, an dieser Stelle nicht „mythologisch“, sondern argumentativ.

Was Luther mit „Erneuerung eures Sinnes“ übersetzte, meinte im Griechischen präzise: neues „Denken“, die Erneuerung „vernünftiger“ Welterkenntnis.

„Gottes Wille“, aufgeschrieben in der Torah – das wusste der Jude Paulus auch – , ist für die nicht-jüdischen „Römer“ zu erkennen durch Vernunft (!): Das Gute kann so erkannt (und getan) werden, das, was den Menschen gut tut, und das, was auf die Vollendung des menschlichen Lebens zumindest zielt (das „Vollkommene“ meint das „Zielgerichtete“).

Paulus war also so frei, die auch und gerade für ihn sozusagen „heiligen“ Texte der Hebräischen Bibel revolutionär neu auszulegen in einer neuen Zeit und Welt. In gewisser Weise hatte auch er schon „entmythologisiert“, ohne allerdings den Bedeutungsreichtum der Bibel auf wenige „allgemeine Wahrheit(en)“ (Bonhoeffer) einzuschmelzen. Ein Hinweis für uns und unsere Frage, wie wir denn Bibeltexte lesen …

Herzlich grüßt,

Ihr Bernd Vogel