Donnerstag, 28. Mai 2020

Wende dich zu mir und sei mir gnädig; denn ich bin einsam und elend.

Psalm 25,16

Der Kranke antwortete Jesus: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein. Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!

Johannes 5,7-8

Niemand weiß, ob dir oder mir dieses oder jenes „Wort“, ein Psalm-Vers, ein Gleichnis Jesu, ein „Gebot“ zu „Gottes Wort“ wird oder nicht. Das bleibt „unverfügbar“, ist weder vorhersehbar, noch machbar, Das bleibt das persönliche Geheimnis zwischen einem Menschen und dem, den er oder sie als „Gott“ erfährt und „glaubt“.

Trotzdem kann mit guten Gründen gesagt werden: Nicht alles „ist“ einfach und „ist“ gleichermaßen „Gottes Wort“ in der Bibel. Es gibt Worte, die im Laufe der Jahrhunderte Millionen von Menschen erreicht haben, die in ihr Herz gelangt sind, in ihren „Sinn“, wie Luther das griechische Wort für „Vernunft“ und „Verstehen“ übersetzt hat. Zu diesen Worten gehört sicherlich der 23. Psalm: „Der HERR ist mein Hirte …“, wohl auch das Gleichnis vom „verlorenen Sohn“ (Lukas 15), wohl auch Jesu Klageschrei am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Markus 15,34). Dagegen, vielleicht nur aus Gewohnheit und fehlender Kenntnis der Bibel im Ganzen, sind von vielen anderen Texten der Bibel kaum (noch) Erinnerungsspuren in unserer Kultur auffindbar. Es berühren uns die Worte nicht, weil wir sie gar nicht kennen. Manche Worte aber kennen manche Menschen – und trotzdem wurde ihnen das Wort, von dem sie wohl Kenntnis hatten, nicht zu einem „Wort Gottes“. Das kann viele Gründe haben. Am Ende läuft es wohl auf die Erkenntnis hinaus, dass es mit den Worten wie mit den Menschen ist: Einige tun uns gut, helfen uns weiter, berühren uns tief, regen uns an und vielleicht auch „nur“ auf … andere bleiben uns nicht nur fremd; sondern, wenn wir ehrlich sind, müssen wir sagen: Sie interessieren uns nicht. Sie gehen uns nicht an. Sie sind uns gleichgültig.

Das klingt hart, nicht sehr menschenfreundlich; und ob das mit dem doppelten Liebesgebot der Bibel und des Jesus vereinbar ist, steht auf einem anderen Blatt; aber es ist doch so. Liebe lässt sich nicht gebieten. Man kann einen bestimmten Anstand lernen, eine Grund-Höflichkeit, einen Grund-Respekt vor Tieren wie Menschen. Man kann und muss nicht zu jedem Menschen eine Art Liebes-Gefühl entwickeln wollen. Das wäre völlig unmöglich. So ist unsere Psyche nicht disponiert. Das können wir nicht, nicht mit dem anspruchvollsten spirituellen Training. Man kann sich für eine einigermaßen gut eingerichtete Rechtstaatlichkeit des Gemeinwesens einsetzen und dafür, dass jede und jeder ausreichend Mittel zu einem Leben hat, das die große Mehrheit „menschenwürdig“ nennen könnte. Insofern können und müssen wir als Bürger und Bürgerinnen in einer rechtstaatlichen Demokratie, die auf „Werten“ wie „Menschenwürde“ und „Freiheit“ aufgebaut ist, „für andere“ da sein (Bonhoeffer). Wenn man das „Nächstenliebe“ nennen will – gut.

Das wirklich Ent-scheidende, das unbedingt Wichtige scheint das aber für keinen Menschen zu sein, dass man sich in Grenzen „um ihn“ (oder sie) „kümmert“, für ihn (oder sie) „sorgt“.

Der Mann am Teich von Betesda (Johannes 5) hat noch nicht einmal den „Anstand“ seiner Mitmenschen erfahren, ihn, den Gehbehinderten, einmal freundlich vorzulassen, wenn sich die Wasseroberfläche auf dem Teich bewegte, was als magisches Zeichen galt, dass in diesen Augenblicken Gottes heilende Kraft unsichtbar gegenwärtig sei. Immer, wenn er sich mühsam aufgerappelt hatte, waren die anderen vor ihm im heilenden Wasser.

Was tut Jesus? Er reißt ihn aus dem tödlichen Zirkel von leidvollem Selbstbezug und magischem Wunderglauben heraus. Einfach, indem, er sich ihm „zuwendet“, ihn ansieht, ihn wahrnimmt, ihm ins Gesicht schaut, ihm zuspricht:

Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!

Wort Gottes.

Herzlich grüßt,

Ihr Bernd Vogel