Freitag, 29. Mai 2020

Meine Zunge soll reden von deiner Gerechtigkeit und dich täglich preisen.

Psalm 35,28

Die Jünger kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude und waren allezeit im Tempel und priesen Gott.

Lukas 24,52-53

„HERR, führe meine Sache gegen meine Widersacher, bekämpfe, die mich bekämpfen!“ (Psalm 35,1). So beginnt der Psalm 35 und endet: Meine Zunge soll reden von deiner Gerechtigkeit und dich täglich preisen.

Dietrich Bonhoeffer hat die Psalmen geliebt, ist in den Versen geistig spazieren gegangen, hat sich inspirieren und gedanklich läutern lassen vom Bibelwort. Und doch gab es auch bei ihm jedenfalls eine lange Zeit die Hemmung, die Wucht und Widersprüchlichkeit gerade der Psalmworte sozusagen ungefiltert zuzulassen. Sein „Filter“ war ihm die Rede von Jesus Christus und die lutherische Lehre von der Rechtfertigung durch Glauben allein. Vielleicht spielte auch sein zeitweiliger Versuch eine Rolle, sich als Christ ganz auf die Bergpredigt Jesu einlassen zu wollen: existenziell und ganz praktisch, im eigenen Verhalten. Wer sich aber in diesem Sinne „wörtlich“ auf die Bibel einlässt, kann gedanklich in unüberwindliche Schwierigkeiten geraten; denn „die Bibel“ Alten und Neuen Testaments steckt voller gedanklicher Anfänge, Spannungen und auch Widersprüche.

Im 35. Psalm tendieren die Verse in Richtung menschlicher Rachegefühle. In anderen Psalmen ist das noch deutlicher. Schon in diesem Psalm heißt es: „Es sollen sich schämen und zum Spott werden, die mir nach dem Leben trachten; / es sollen zurückweichen und zuschanden werden, die mein Unglück wollen. / Sie sollen werden wie der Spreu vor dem Winde, und der Engel des HERRN stoße sie weg“ (Psalm 35, 4-5).

Das ist nahe an dem, was frühere Generationen oder auch manche heute eine „Verfluchung“ nennen würden, mit dem magischen Beigeschmack im Hintergrund. Ein Mensch wünscht dem anderen sozusagen die Pest an den Hals und die Vertreibung aus dem Paradies, die Entfernung von Gott und damit vom Leben.

Wie will ein Christ, eine Christin das beten? Bonhoeffers Lösung: Wir beten solche Psalmen, speziell die, in denen es auch um „Rache“ geht, sozusagen durch Christus wie durch einen unsere Gefühle und Gedanken reinigenden Filter hindurch. Wir beten sie ausschließlich als das Gebet Christi selbst. Er, Jesus Christus, ist nicht nur unser Vor-Beter sozusagen, sondern auch noch das Medium – Bonhoeffer sagte es personal: der „Mittler“ – durch das/den hindurch unser Gebet überhaupt erst legitimiert wird. Jemandem den Tod zu wünschen wird dann relativiert dadurch, dass wir unsere Wut gegen diesen „Feind“ einerseits zum Ausdruck bringen, andererseits an Gott sozusagen abgeben, es Gott überlassen, „Rache“ zu üben – und wissen doch: Die „Rache“ Gottes besteht in der letzten Tiefe darin, das Leid der Welt, auch Bosheit, Gewalttat und Schuld, auf sich selbst zu nehmen am Kreuz.

Mich hat dieser nicht bloß gedankliche, sondern bei Bonhoeffer sicher auch glaubwürdig versuchte Aus-Weg aus dem Dilemma der „Rache-Psalmen“ eine Zeit lang fasziniert und am Ende doch nicht überzeugt. Ich könnte es an Bonhoeffer nachzuweisen versuchen, muss aber nur auf mich selbst sehen, um zu erkennen, dass diese gedanklich schöne Konstruktion eines geistigen Umweges meiner Gefühle und Gedanken über den „Mittler“, diese Idee einer wie durch einen Katalysator gereinigten Gefühle und Gedanken mich nicht überzeugt. Im Gegenteil: Es ist an der Zeit – jedenfalls war es das irgendwann für mich – die Gefühle nicht weiterhin der „Psychologie“ zu überlassen (inkl. Therapie) und die Gedanken davon zu trennen, um sie irgendwie „geistlich“ werden zu lassen.

Wir sind als Menschen Leib und Seele, mit unseren Erfahrungen, unseren oft tief sitzenden Gefühlen, vielleicht frühkindlichen Verletzungen, verschütteten Gefühlen, ungenutzten Potenzialen, Sehnsüchten nach Leben, Entwicklung der eigenen Gestalt … alles gehört zu der EINEN Wirklichkeit unseres Lebens.

Wer betet, betet mit und in seinen oder ihren verschiedenen, auch widersprüchlichen, auch zuweilen bedrohlich wirkenden Gefühlen, Gedanken …

Dietrich Bonhoeffer hat so etwas selbst erfahren und gewusst, spätestens in der Nacht vom 20. auf den 21. Juli 1944. In der Stunde der größten Enttäuschung, seelisch-geistig und auch körperlich ausgeliefert den Gewalten um ihn herum, glaubte er den Jesus Christus immer noch und nun vielleicht deutlicher denn je an seiner Seite. Nun aber nicht mehr unter auch nur partieller Absehung von welchen Gefühlen und Gedanken auch immer, nicht „gereinigt“ sozusagen, sondern „inmitten“ dessen, was „tatsächlich“ „ist“.

Herzlich grüßt,

Ihr Bernd Vogel