Mittwoch, 27. Mai 2020

Der HERR wird’s vollenden um meinetwillen.

Psalm 138,8

Paulus schreibt: Ich bin darin guter Zuversicht, dass der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird’s auch vollenden bis an den Tag Jesu Christi.

Philipper 1,6

„Von David“. König David, der Psalmendichter. Oder geschrieben unter seinem Namen. Da ist man sich in der historischen Forschung uneins. Es würde dieser Vers aber zu dem Gebet eines Königs, eines Menschen mit Verantwortung für andere, passen: „Wenn ich mitten in Angst wandle, so erquickst du mich /und reckst deine Hand gegen den Zorn meiner Feinde und hilfst mir mit deiner Rechten. / Der HERR wird’s vollenden um meinetwillen./ HERR, deine Güte ist ewig. Das Werk deiner Hände wollest du nicht lassen“ (Psalm 138, 7 ff.).

Ob Frau Merkel in diesen Wochen so ähnlich gebetet hat? Oder Herr Lauterbach? Oder Herr Drosten? Sie alle haben sich „Feinde“ gemacht, weil sie es gewagt haben, Verantwortung für andere zu übernehmen und dabei als Politiker*innen Freiheitsrechte zeitbefristet außer Kraft setzen oder dem verängstigten, sorgenvollen, vernünftigen oder skeptischen bis zynischen Publikum die Aspekte einer pandemischen Seuche erklären mussten.

Der HERR wird’s vollenden um meinetwillen. Das lässt dem verantwortlich führenden Menschen seine Würde; denn der HERR – Gott – wird, so glaubt der Psalmbeter, „vollenden“, was der Mensch nur anfangen und eine Zeit lang weiterführen, aber eben nicht zu Ende bringen konnte im Sinne einer „Vollendung“.

Ähnlich selbstbewusst dachte Dietrich Bonhoeffer von der „Vollendung“ seines wohl bald abgebrochenen Lebens: „[…] Es kommt wohl nur darauf an, ob man dem Fragment unseres Lebens noch ansieht, wie das Ganze eigentlich angelegt und gedacht war und aus welchem Material es besteht. Es gibt schließlich Fragmente, die nur noch auf den Kehrichthaufen gehören (selbst eine anständige ‚Hölle‘ ist noch zu gut für sie), und solche, die bedeutsam sind auf Jahrhunderte hinaus, weil ihre Vollendung nur eine göttliche Sache sein kann, also Fragmente, die Fragmente sein müssen – ich denke z. B. an die Kunst der Fuge. Wenn unser Leben auch nur ein entferntester Abglanz eines solchen Fragmentes ist, in dem wenigstens eine kurze Zeit lang die sich immer stärker häufenden, verschiedenen Themata zusammenstimmen und in dem der große Kontrapunkt vom Anfang bis zum Ende durchgehalten wird, so daß schließlich nach dem Abbruch – höchstens noch der Choral: ‚Vor deinen Thron tret’ ich allhier‘ – intoniert werden kann, dann wollen wir uns auch über unser fragmentarisches Leben nicht beklagen, sondern daran sogar froh werden.“ (DBW 8, 335 f.).

Der HERR wird’s vollenden um meinetwillen.

Herzlich grüßt,

Ihr Bernd Vogel