Montag, 25. Mai 2020

HERR, frühe wollest du meine Stimme hören, frühe will ich mich zu dir wenden und aufmerken.

Psalm 5,4

Betet allezeit mit allem Bitten und Flehen im Geist und wacht dazu mit aller Beharrlichkeit und Flehen für alle Heiligen.

Epheser 6,18

Beten … auch der Psalmbeter weiß, dass der „HERR“ kein Call-Center ist, bei dem man anruft, um einen bestimmten Wunsch erfüllt zu bekommen.

„Denn du bist nicht ein Gott, dem Frevel gefällt; wer böse ist, bleibt nicht vor dir“ heißt es im nächsten Vers. Es geht also darum, sich von Gott ausrichten zu lassen, sich recht fertig machen zu lassen (Wortspiel Dietrich Bonhoeffers zu „Rechtfertigung“), nicht „böse“ zu bleiben und „Frevel“ zu tun; denn ein Mensch, der im Bösen verstrickt bleibt, „bleibt nicht vor dir.“

„Vor dir“ zu bleiben ist aber die tiefste Sehnsucht des biblisch inspirierten Betenden. Der Mensch „coram deo“, vor Gott. Der Mensch, der eben nicht – wie es das „moderne“ Lebensgefühl zu diktieren scheint – als irrlichternder Heimatloser am Rande des leeren Weltalls ein paar Jahre Fristet, ehe er sich ins Nichts auflöst (nach Jaques Monod), sondern der Mensch „vor Gott“.

„Aufmerken“ will der Betende. Wach werden. Sich die Augen reiben. Hinsehen können und tatsächlich hinschauen. In das Leben. Auf die konkreten Geschehnisse. Aufmerksam, achtsam leben. Mit der Renaissance der asiatischen Religionen und der Esoterik kam es zurück in unseren Kulturkreis: Beten nicht als quasi-magische Manipulation eines im „Himmel“ thronenden Gottes für eigene Zwecke und zur Abwendung von „Strafe“, sondern als Stille-Werden vor Gott, Unterbrechung des alltäglichen Getriebes, als Pausentaste. Wie sonst sollte mir Neues einfallen? Wie sonst sollte ein Lebensweg neu auftauchen, das Wagnis der Tat gewagt werden.

„Beten und Tun des Gerechten“ hieß das Tandem bei Bonhoeffer. Gemeint war auch bei ihm nicht der „Zweck“ des Betens. Das Tun des Gerechten wird im Gebet höchstens indirekt vorbereitet, mehr nicht. Beten ist Selbstzweck, auch bei Bonhoeffer.

Beten heißt, sich „vor Gott“ „in Gott“ bergen und aufmerksam werden für das, was Gott mir sagt, mit mir vorhat, ja, dann auch: von mir will. Vor allem Tun steht das „Aufmerken“. Wachsamkeit. Achtsamkeit. Auch und zuerst sich selbst gegenüber. Es ist keine Schande, für sich selbst zu beten. Jesus hat es getan, indem er das „Reich Gottes“ herbeiwünschte. Dein Reich komme „zu uns“, meinte Martin Luther. Für andere beten und für sich selbst. Das ist kein Gegensatz und keine Reihenfolge. Das klingt zusammen. Je nachdem, was gerade „dran“ ist, hörst du das eine stärker oder das andere.

Herzlich grüßt,

Ihr Bernd Vogel