Montag, 1. Juni 2020

Fürchtet euch nicht und erschreckt nicht! Habe ich’s dich nicht schon lange hören lassen und es dir verkündigt? Ihr seid doch meine Zeugen!

Jesaja 44,8

Was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern.

Matthäus 10,27

Die Kirchen, gemeint waren die sogenannten Groß- oder (noch und nur zum Teil noch …) Volkskirchen in Deutschland, müssten wieder „missionarisch“ werden. So klang es aus Synoden vor 20, noch vor 10 Jahren. Mittlerweile ist man … vorsichtiger? Verzagter? Desillusioniert? Oder?

Was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern.

Längst „missionieren“ kleinere Kirchen und kirchliche Gemeinschaften ganz „erfolgreich“, wie man sagt. Ihre neu gewonnenen Mitglieder stammen zum großen Teil aus den alten „Volkskirchen“, den „Landeskirchen“, den Bistumskirchen. Sie suchen und finden wohl auch mehr und dichtere Gemeinschaftserfahrungen, verbindliches Miteinander auch im Alltag, nach dem Sonntagsgottesdienst, Lieder und Liturgie, die den Körper mehr einbeziehen, das Gefühl für Rhythmus oder die Lust auf schwelgende Harmonien. Fünf Strophen Paul Gerhardt zur Orgelbegleitung sind da eher nicht „angesagt“.

Pfingsten ist viel mehr als „Geburtstag der Kirche“. Die Erzählung Apostelgeschichte 2 zielt vielmehr auf Völkerverständigung in den „letzten Tagen“ (Prophet Joel, s. Apostelgeschichte 2). Da geht es ums Ganze, um den ganzen Erdball auch, um Glaube und Handeln, um Umkehr im eigenen Leben, um neue Politik, viel mehr jedenfalls als um Wohlfühlkirchen und schmucke Songs.

Aber es wäre nun auch ungerecht, Heils-Egoismus und religiöse Enge aus „volkskirchlicher“ Warte heraus bei den kleineren und oft wirklich lebendigen Geschwistern und Konkurrenten in den kleineren Kirchen zu sehen und dabei ganz bequem eigene Defizite zu verhüllen und den Ärger (auch gegenüber der eigenen Kirche) gegen andere weg-zu-projizieren!

Es ist vielmehr Zeit, ehe wir als Christinnen und Christen wieder auf die „Dächer“ steigen könnten, um im Sinne Jesu und auf vielleicht ganz überraschend neue Weise zu „verkündigen“, zunächst mal den Mund zu halten und intensiv hinzuhören: Was ist denn zu vernehmen als „Wort von Gott“? Was ist denn die Aufgabe der vielleicht auch nur zahlenmäßig großen und der kleinen kirchlichen Gemeinden? Gibt es da neue Kooperationen, wechselseitige Hinweise auf blinde Flecken, auf unbenannte Interessen, geistige Bequemlichkeiten auch, Unredlichkeit im Glauben, im Denken?

Gibt es bei uns selbst einen bisher vielleicht kaum erkannten Selbstbetrug in geistiger Hinsicht? Was glauben wir denn wirklich, so dass wir mit unserem Leben daran hängen? So fragte Dietrich Bonhoeffer. Hängen „wir“ mit unserem Leben an dem, was wir „glauben“? Und glauben wir „wirklich“, was wir zu glauben vorgeben, vielleicht auch nur vor uns selbst vorgeben? Tricksen wir uns selbst eigentlich täglich aus, indem wir ein bestimmtes Bild von uns selbst munter pflegen, jeden Tag erneuern, auch ein Bild von den „anderen“?

Frisch und fromm gefragt und mal ungeschützt durch theologische Nachdenklichkeit, wie es vielleicht manche eher lieben als andere …: Wie soll „Gott“ denn sich bei uns Gehör verschaffen, wenn wir selber schon alles vorher wissen? Gerade „fromme“ Leute wissen so – ich sage das jetzt bewusst so – „verdammt“ viel.

Ich persönlich glaube nicht, dass Gott uns „verdammt“. Gott verdammt nicht. Niemanden. Niemals. (Die Frage des Endgerichts und der Notwendigkeit eines gerechten Gerichts bleibt bestehen, kann hier jetzt aber nicht in wenigen Zeilen erörtert werden!)

Wir programmieren uns vielmehr selbst in einem bestimmten Lebensstil, verfestigen uns in einem bestimmten „Weltbild“, „wissen“ dies und das. Insgesamt, was „Gott“ und „Jesus Christus“ und „Himmel“ und auch „Gericht“ angeht, was in einem bestimmten Bibeltext „steht“ und was der oder die nun wirklich gemeint habe usw., wissen wir zu viel.

Um die biblischen Losungen auslegen zu können, was jede und jeder kann, der lesen kann oder auch „nur“ zuhören, bleibt eine deutliche Einrede des antiken Sokrates bleibend wichtig:

„Ich weiß, dass ich nichts weiß.“

Fürchtet euch nicht und erschreckt nicht! Habe ich’s dich nicht schon lange hören lassen und es dir verkündigt? Ihr seid doch meine Zeugen!

Herzlich grüßt,

Ihr Bernd Vogel