Predigt am Vierten Advent, 19. Dezember 2021 in der Urbans-Kirche in Schwäbisch Hall

Pfarrer Christian Horn

Predigttext: Lukas 1,26-38 (39-56)

Liebe Gemeinde!

Wenn wir diesen Predigttext hören als im abendländischen fakten-, sach- und historisch orientierten Denken erzogene und geübte, da sagen wir sofort: Aha, das muss die Bibelstelle sein[1], auf die das Dogma von der Jungfrauengeburt zurückgeht. Das ist richtig, aber dieser Einstieg verstellt uns den Zugang zur eigentlichen Botschaft dieses Textabschnittes. Weil es aber nun mal so ist, wie es ist, müssen wir eben doch zum Thema "Jungfrauengeburt" ein paar Takte sagen.

1. Takt. Hier in unserem Text wird mit der geheimnisvollen Geburt ("die Kraft des Höchsten wird dich überschatten") begründet, dass der Sohn Marias "Sohn Gottes" genannt werden wird. Dieser Titel "Sohn Gottes" wird in Israel auch sonst gebraucht, wahlweise für Könige, für Propheten, oder für das ganze Volk Israel. Der Titel "Sohn Gottes" erzwingt von Hause aus also keinen besonderen Geburtsvorgang. Nicht in Israel! Und weil das so ist, kann der Apostel Paulus ganz anders sagen, Jesus sei "durch die Kraft der Auferstehung von den Toten als Sohn Gottes eingesetzt" worden.[2] "Sohn Gottes" ist für Paulus also erst der Auferstandene, es ist eine Auferstehungsaussage! Das war etwa 40-50 Jahre, ca. zwei Generationen bevor Lukas sein Evangelium etwa um 80-90 n.Chr. schrieb). Etwa 20 Jahre früher, 20 Jahre nach Paulus hat der älteste Evangelist Markus (um 70 n.Chr.) die "Gottes-Sohnschaft" Jesu dann aus der Taufe Jesu durch Johannes den Täufer abgeleitet. Bei der Taufe Jesu habe eine Stimme vom Himmel verkündet: "Du bist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe."[3] Quasi eine himmlische Adoption zum "Sohn Gottes", die dem zum erwachsenen Propheten gereiften Mann aus Nazareth gilt. Und das mit einer Formulierung, die in Israel sonst bei Königsernennungen üblich war. Ein König wird traditionell bei seiner Thronbesteigung zum "Sohn Gottes" ernannt[4]. Bei Markus gilt die Ernennung zum "Sohn Gottes" Jesus, dessen Genealogie auf König David zurückgeführt wird und der also quasi durch die Taufe als künftiger König Israels, als Messias / Christus den Lesern des Evangeliums vorgestellt wird. Auch hier also immer noch keine Jungfrauengeburt! Erst die nächste, dritte Stufe bei Matthäus und mit unseren Lukas-Text wird die "Gottes-Sohnschaft" mit der Geburt Jesu in Verbindung gebracht. Doch es gibt noch eine vierte Stufe, und zwar im Johannes-Evangelium: Hier wird der Titel "Sohn Gottes" bereits in die Zeit vor der Geburt, an den Weltanfang zurückverlegt: "Im Anfang", im Schöpfungsanfang, "war das Wort (der Sohn Gottes) und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort ... und das Wort ward Fleisch und wohnte (zeltete) unter uns."[5] Wir erkennen also eine Entwicklung, eine Dynamik: "Sohn Gottes", zuerst posthum (Paulus), dann bei der Taufe (Markus), dann bei der Geburt (Matthäus und Lukas) und schließlich schon in Präexistenz (Johannes).

Noch ein 2. Takt, eine zweite Vorüberlegung ist nötig: Anders als der abendländische, in der griechisch-römischen Tradition gebildete Mensch hat der orientalisch-hebräisch-semitisch geschulte Mensch sich noch einen anderen Zugang zum Verständnis der Wirklichkeit bewahrt, nicht nur das bloße, reine Fakten-Denken. Der im östlichen Denken bewanderte Mensch kann Historisches und Symbolisches zusammendenken, wobei er durchaus z.B. bei dem Symbolwort vom "Sohn Gottes" erkennt, dass es sich um etwas Transparentes, um eine Metapher, um eine umschreibende Deutung, eben um ein Symbolwort handelt, bei dem man in Israel überhaupt nicht an ein biologisch-gynäkologisches Wunder dachte. Weil nun aber die Botschaft des Evangeliums über Israel hinausdrang und es im ganzen römisch-hellenischen Bereich verkündet wurde, und weil es hier diese Vorstellung von Jungfrauengeburten für Kaiser, Philosophen und große Ärzte zahlreich gab, darum haben sich dann eben auch christliche Schriftsteller und Theologen dieses Bildwortes bedient und es mit der alttestamentlich-prophetischen Tradition vermischt. Und sie sahen darin durchaus kein Problem und keinen Gegensatz.

Damit können wir uns nun endlich unserem Predigttext in der ihm angemessenen Weise nähern und dabei von einer wichtigen Unterscheidung ausgehen: Ja, es geht unserem Text um ein Wunder, sogar um ein mehrschichtiges Wunder, aber eben keinesfalls um ein biologisches. Es geht um keine vernunftwidrige Durchbrechung von Naturgesetzen. Das Biologische ist nur oberflächlicher Firniss, nur symbolisches Transportmittel für das eigentliche, zentrale Wunder, um das es unserem Text geht, um das es der adventlichen Hoffnungsbotschaft des Christentums geht, wie es überhaupt das Zentrum, der Botschaft Jesu vom Reich Gottes darstellt. Das eigentliche, zentrale Wunder, auf das sich alle Sehnsucht der Menschen damals wie heute richtet, ist die Hoffnung auf eine wunderbare Veränderung und Verwandlung der Welt. Wenn Sie so wollen, geht es unserem Textabschnitt darum, auch uns heute zu sagen, dass es für die Rettung der Welt ein Wunder braucht. Und dass es durchaus vernünftig ist, auf Wunder zu hoffen. Weil die Welt, nicht nur wegen des Klimas, sondern wegen so vieler ungelöster Nöte und Probleme eigentlich sehr, sehr viele Wunder nötig hat.

Liebe Gemeinde, meine Frau und ich hörten gerade wieder einmal die wunderbare Mendelssohnsche Sinfonie-Kantate "Lobgesang", die so wundervoll die Sehnsucht von Menschen zum Ausdruck bringt: Tief anrührend dieses "Ich harrete des Herrn." Da tönt es und klagt es: "Stricke des Todes hatten uns umfangen, / Und Angst der Hölle hatte uns getroffen, / wir wandelten in der Finsternis / ... / (Und) Wir riefen in der Finsternis: / Hüter, ist die Nacht bald hin?" Und dieser fragende, sehnsüchtig klagende Ruf wird mehrmals wiederholt, klingt jedesmal drängender, dringender, verzweilfelter: "Hüter, ist die Nacht bald hin?" Mendelssohn hat damit nicht nur die notvolle Stimmung seiner Zeit, sondern jeder Zeit und ebenso die der Situation in Israel um die Zeitenwende getroffen. Israels damalige Situation, als einer brutal von den Römern ausgebeuteten Provinz, war zu dieser Zeit völlig hoffnungslos, verzweifelt, resignativ-ausgelaugt, geprägt für viele von Lethargie und Apathie. Und in diese Situation hinein erzählt, nein predigt der Evangelist in seiner metaphernreichen Sprache, und wir sind jetzt hoffentlich bereit, auf jedes Wort zu achten und beinahe in jedem Halbsatz auf eine Hoffnungsansage zu stoßen – also:

Gott sendet einen Engel, einen angelus, einen Boten, einen der höchsten Engel gar, Gabriel, zu deutsch "Meine Kraft ist Gott". Schon dieser Name sagt viel. Er lässt uns fragen: Worin sehen wir unsere Kraft, worauf gründet unsere Hoffnung? Das lutherische "Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren" aus dem Lied "Ein feste Burg ist unser Gott"[6] fällt uns womöglich ein. Oder der verzweifelte Satz: Da hilft nur noch beten! Was ja bedeutet: Da kann nur noch (ein) Gott helfen. Wir sind mit unserem Latein am Ende. Angesichts einer notwendigen, nach einer grundlegenden Veränderung der Verhältnisse schreienden Situation – viele haben noch gar nicht bemerkt, wie ernst unsere Lage heute ist, ihnen geht es noch immer nur um die Freiheit zu kaufen und zu shoppen, Spaß zu haben und zu feiern, um ihr "ich will aber!" – angesichts dieser Lage, möchte ich rufen, sozusagen in gnadenloser Zeit: "Gnade uns Gott!" Was ja bedeutet: Wehe, wenn Gott uns nicht gnädig ist! Auf unsere Kraft können wir nicht bauen.

Nach der Vorstellung Israels soll mit dem Kommen Gabriels am Ende der Geschichte die Heilszeit anbrechen. Dem entsprechend grüßt der Engel Maria: "Du Begnadete! Der Herr ist mit dir!" Gnade also! Gnade also doch noch! Wenig später heißt es noch einmal: "Du hast Gnade bei Gott gefunden!" Wobei das "Der Herr ist mit dir" nichts anderes ist als die Übersetzung des "Immanuel" (Gott ist mit uns!) Damit sagt der Evangelist seinen Lesern: Das Ende der gnadenlosen Zeit ist nahe. Gott hat sein Volk nicht verlassen. Die Gnade wird mit Maria allen Müttern Israels, allem Volk zugesagt. Gott hört dein, hört euer Klagen und Schreien! Noch einmal Mendelssohn in seinem "Lobgesang": "Und wandl' ich in der Nacht / und tiefem Dunkel, / Und die Feinde umher / stellen mir nach: / so rufe ich an den Herrn, / und er errettet mich". Ich will an dieser Stelle schonmal den Schluss unseres Predigttextes vorwegnehmen, auf den alles hinzielt, hinzielt auch schon auf das Lied, das Magnificat, das Maria als Antwort auf die Engelsbotschaft singen wird, dass Gott die Gewaltigen vom Thron stürzen und die Niedrigen erheben wird, dass er die Hungrigen mit Gütern füllen und die Reichen leer ausgehen lassen wird – wie gesagt, alles zielt hin auf den kleinen leicht zu überlesenden Schlusssatz mit der Pointe: "Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich." (v 37) Mit vielen Psalmen können wir hinzufügen: "Denn er tut Wunder!"[7] Wörtlich lautet der Satz: Kein Wort, das von Gott kommt, wird kraftlos (wird ohne dynamis) sein. Denn dieses schöpferische Gnadenwort durchbricht die Grenze zwischen Himmel und Erde, zwischen möglich und unmöglich. Gottes neuschaffendes Wort lässt als Gnadenwort Neues entstehen. Gnade also! Gnade vor Recht! Maria übersetzt das für sie selbst am Anfang ihres Liedes mit den Worten: "Gott hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen!": Mich in meiner, uns in unserer Niedrigkeit! Mich, uns als Unbedeutende! Gnade, das ist es, was die Welt verändert. Barmherzigkeit. Dass man sich angenommen fühlt, aus dem Nichts und der Nichtigkeit erhoben. Es ist die Botschaft der ganzen Bibel, dass Gott das Niedrige sieht, dass er in die Tiefe sieht. "Wo ist ein Gott wie der unsere, der auf das Niedrige sieht und die Stolzen nur kennet von ferne!" So und so ähnlich heißt es in vielen Psalmen.[8] Martin Luther sagt zu unserer Stelle: Gott hat "nichts anderes zu schaffen, als nur zu erhöhen, was niedrig ist, und zu erniedrigen, was da hoch ist, kurz: ganz neu zu machen, was zerbrochen ist."[9] Bei den Menschen, sagt er, geht's umgekehrt, sie sehen immer nach oben, trachten nach den hohen Dingen, wollen hoch hinaus. Aber Gott sieht in die Tiefe, er "erwählt, was niedrig und töricht ist vor der Welt"[10], er "gibt den Niedrigen Gnade"[11]. Schon dieser Engelsgruß enthält das ganze Evangelium. Die Welt wird nämlich nur verändert, indem wir Menschen verändert, verwandelt und befreit werden, wahrgenommen, anerkannt und gewürdigt. So dass auch wir in die Lage versetzt werden, den "Boden" in der Welt zu "bereiten für Freundlichkeit", für Güte, so "dass der Mensch dem Menschen ein Helfer" wird, wie es in dem berühmten Gedicht von Bert Brecht "An die Nachgeborenen" heißt. Das gelingt nur, wenn wir alle verwandelt werden. Das Gnadenwort muss auch uns in neue Menschen verwandeln, damit auch wir, wir alle, Söhne und Töchter Gottes werden, Schwestern und Brüder Jesu. Darum die Gnadenzusage am Ende des Gottesdienstes "Gnade sei mit Euch und Friede"! "Ihr, – wir Begnadeten"!

Es folgt in unserem Text die Ankündigung der Geburt eines Sohnes, dem Maria den Namen Jesus geben soll. Überdeutlich ist der Bezug zu Jesaja 7,14: "Siehe, eine junge Frau ist schwanger und gebiert einen Sohn und gibt ihm den Namen 'Gott-mit-uns'." Offenbar handelt es sich um eine beliebige Frau und um ein beliebiges Kind. Auf diese Weise soll der damalige König Ahas (700 v.Chr.) ermutigt werden, soll ihm bedeutet werden: Allen Widrigkeiten zum Trotz: Gott ist mit uns! Diese auch in der deutschen Geschichte viel missbrauchte Formel des "Gott mit uns" – selbst auf soldatischen Koppelschlössern – diese gefährliche Selbstsicherheit, sich Gottes immer schon ganz sicher zu wähnen, – war ursprünglich als Trostbotschaft in aussichstloser Lage gemeint. So wie in Bonhoeffers Lied "Von wunderbaren Mächten", wo es heißt: "Gott ist bei uns am Abend und am Morgen".[12] Die Geburt also eines schwachen, wehrlosen, auf Zuwendung angewiesenen Kindes als Hoffnungszeichen. Die Philosophin Hannah Arendt (1906-1975) prägte den Begriff "Natalität" und begründetete mit diesem Begriff eine "Philosophie des Anfangs und der Geburt", der "Gebürtlichkeit". Und sie zitiert in ihrem philosophischen Hauptwerk das biblische "Uns ist ein Kind geboren"[13] aus der Weihnachtsbotschaft als Grund dafür, "dass man in der Welt Vertrauen haben und dass man für die Welt hoffen darf".[14] Hannah Arendt weist darüber hinaus darauf hin, dass, weil jeder Mensch auf Grund seines Geborenwerdens ein Anfang ist, lateinisch: ein initium, darum könne auch jeder Mensch Initiative ergreifen, könne jeder Mensch ein Anfänger von etwas Neuem werden.[15] So gesehen ist mit dem Begriff "Natalität" die Faszination des Neuen, des Überraschenden verbunden, eines Neuen, das sich der Absehbarkeit und Berechenbarkeit entzieht. Es geht Hannah Arendt um das Wunder, das die Welt und den Gang der menschlichen Dinge immer wieder unterbricht und vom Verderben rettet.[16] Das, worauf es dabei ankommt, ist allerdings eine Umkehr unserer Hoffnungsrichtung: Das Heil, die Rettung, die Lösung unserer Probleme ist nicht von denen da oben, nicht von den Großen und Starken zu erwarten, sondern wird in aller Hilflosigkeit geboren. Das ist das Wunder. "Und du sollst ihm den Namen Jesus geben". Der Name Jesus bedeutet "Helfer", "Retter"! Ausgerechnet der im Stall Geborene, der am Kreuz endete, wird als Retter erkannt! Hilfe von ganz unten. Wie Paulus sagt. "Die Kraft Gottes ist in dem Schwachen mächtig." [17] Rettung von einem Kind. Der allerletzte Satz des Alten Testaments lautet: Am Ende der Zeit "soll das Herz der Väter zu den Kindern" bekehrt werden. [18] Entsprechend ist von Jesus die Aussage überliefert, Gott habe die Weisheit "den Klugen und Weisen verborgen und den Unmündigen offenbart."[19] Auch bei Paulus heißt es: "Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen!"[20] Ja, man kann von den Kindern lernen, in mancherlei Hinsicht. Jesus meinte, sie verstünden mehr vom Reich Gottes, von einer menschlichen Zukunft auf Erden als wir Erwachsene. Vielleicht, weil sie sich bereitwilliger auf Neues einlassen, weil sie flexibler sind, offener, nicht so festgelegt. So ist mit einem Kind quasi ein Versprechen auf Zukunft verbunden, wohnt jedem Kind eine Verheißung inne. Das Welt verändernde Wunder kommt aus einer nicht berechenbaren Richtung, aus der Schwachheit, aus der Fähigkeit, Schwäche zu zeigen, für andere (!), Fehler einzugestehen, um Vergebung zu bitten, sich zurückzunehmen und zu teilen: "Denn, was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und er nähme Schaden an seiner Seele?"[21] Zwangsläufig muss ich an die Kinder und Schüler von "Fridays for Future" denken. Angesichts einer Welt, die in mehrfacher Hinsicht an Kipp-Punkten steht, klimabezogen, umweltbezogen und gesellschafts-bezogen, sind junge Menschen offenbar einsichtsbereiter, weniger Gefangene und Sklaven des Wachstumswahns, weniger beherrscht von einer Kultur des Besitzens und der Besitzstandswahrung. Wir ahnen: So wie es ist, wird und kann es nicht bleiben. Aber wie finden wir zu einer Lebensweise, die das Wohlergehen des Planeten mit dem Überleben der Menschheit versöhnt?

In seinen Tagebüchern verfasste Max Frisch (1911-1991), der schweizerische Schriftsteller einmal einen Fragebogen zum Thema Hoffnung. Ich zitiere einige seiner Fragen: "Wissen Sie in der Regel, was Sie hoffen? Beneiden Sie manchmal Tiere, die ohne Hoffnung auskommen? Welche Hoffnung haben Sie aufgegeben? Genügt Ihnen die herabgesetzte Hoffnung, dass es Frühling wird, oder dass die Kopfschmerzen verschwinden? Hoffen Sie angesichts der Weltlage: a) auf die Vernunft; b) auf ein Wunder; (oder) c) das es weitergeht wie bisher? Was erfüllt Sie mit Hoffnung: a) die Natur; b) die Kunst; c) die Wissenschaft; (oder) d) die Geschichte der Menschheit? Genügen Ihnen die privaten Hoffnungen? (Sodann die Frage:) Sind Sie schon einen Tag lang oder eine Stunde lang tatsächlich ohne Hoffnung gewesen, auch ohne die Hoffnung, dass alles einmal aufhört, wenigstens für Sie? Wenn Sie einen Toten sehen: Welche seiner Hoffnungen kommen Ihnen belanglos vor, die unerfüllten oder die erfüllten?" Ich finde, es lohnt, diese Fragen für sich zu bedenken.

Ich will nochmal auf den für mich entscheidenden Punk hinweisen: Es geht um die Frage, was wir Gott zutrauen. Für Israel ist Gott ein Gott des Unterwegs, der Veränderung, ein Gott des permanenten dynamischen Wandels und (Neu-)Werdens. Gottes Sein ist im Werden. Gott mit Zukunft als Seinsbeschaffenheit. Und darum ist Gott für die Bibel und für uns als Christen ein Gott der Hoffnung. Während für die Griechen zu hoffen eine Torheit ist, ein Gift aus der Büchse der Pandora. Weil es grundsätzlich nichts Neues unter der Sonne gibt. Von der Bibel ist uns dagegen die Hoffnung auf ein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit, sind uns die vielen wunderbaren Friedensbilder wohl bekannt. Ebenso wie der nicht zu stillende Schrei nach Gerechtigkeit, dieser mächtige messianische Impuls, der sich wie ein roter Faden durch beide Teile der Bibel zieht. Im AT nicht anders als im NT. Die Verdrängung dieser Hoffnung – "dein Reich komme, wie im Himmel so auf Erden" – ist in meinen Augen die allergrößte Sünde der Kirche, hat die Kirchen dazu verleitet, Gott nicht mehr als verändernde Macht für diese Welt gelten zu lassen. Die Schuld daran trägt vor allem der Kirchenvater Augustin. Er hat die Welt und das Diesseits an die Staatsmacht ausgeliefert. Das Ergebnis ist zu besichtigen bis in die allerjüngste Neuzeit. Die Welt wurde der Hoffnunslosigkeit überlassen. Dagegen die Botschaft unseres Bibeltextes: "Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich." Gott mit uns, in uns, durch uns, bewegt und verändert auch die physische Welt, sein Wirkungsort ist nicht nur Geist und Seele, sondern die ganze Wirklichkeit![22]Amen.


[1]Neben einer zweiten Stelle bei Matthäus 1,18, wobei diese beiden Stellen im NT die einzigen sind.

[2]Römerbrief 1,4

[3]Markus 1,11

[4]Psalm 2,7

[5]Johannes 1,1+14

[6]EG 362,2

[7]"Singet dem Herrn, denn er tut Wunder!" (Psalm 98,1)

[8]Psalm 113,5; 138,6

[9]Martin Luther: "Luther Deutsch. Die Werke Martin Luthers in neuer Auswahl für die Gegenwart", hrsg. von Kurt Aland, Band 5: "Die Schriftauslegung", 274-340, hier 275

[10]1. Korinther 1,27f

[11]1. Petrus 5,5

[12]Vgl. EG 65,7; Dabei ist allerdings auf den feinen sprachlichen Unterschied hinzuweisen zwischen dem Bonhoefferschen "Gott ist bei uns" und dem doch eher selbstsicher klingenden "Gott ist mit uns".

[13]Jesaja 9,5

[14]Hannah Arendt: "Vita aktiva oder Vom tätigen Leben" (Serie Piper 217), Seite 317 – Vgl. Elisabeth Moltmann-Wendel: "Natalität und die Liebe zur Welt. Hannah Arendts Beitrag zu einer immanenten Transzendenz" (in: "Evang. Theologie 58, 1998, 283-294; sowie: Jürgen Moltmann: "Kind und Kindheit als Metaphern derHoffnung" (in: Evang. Theologie 60, 2000, 92-102)

[15]Hannah Arendt, a.a.O., 215f

[16]Moltmann-Wendel, a.a.O., 286.292f

[17]2. Korinther 12,9

[18]Maleachi 3,24 / Lukas 1,17

[19]Matthäus 11,25

[20]1. Korinther 1,19

[21]Markus 8,36

[22]Vgl. zu der Gesamttendenz dieser Predigt: Friedrich-Wilhelm Marquardt: "Das christliche Bekenntnis zu Jesus, dem Juden. Eine Christologie. Band 2" (§7.3, "Jungfrauengeburt"; 84-103, hier 93)