Predigt von Pfarrer i. R. Christian Horn am 19. Juni 2022 in der Urbanskirche in Schwäbisch Hall

Predigttext: Lukas 16, 19-31 (Reicher Mann und armer Lazarus)

Liebe Gemeinde!

Wir leben in einer Zeit der Krisen. Die Armut in der Welt nimmt in einem beängstigenden Ausmaß und Tempo zu. Das macht Angst. Auch denen, die davon noch nicht betroffen sind. Wer weiß, was noch auf uns zukommt? Die Ursachen für weltweit drohende Hungerkatastrophen sind vielfältig. Es ist nicht nur der Krieg in der Ukraine und es sind nicht nur die verminten Seewege, die verhindern dass dringend benötigtes Getreide in die bedürftigen Länder gelangt. Es sind nicht nur die Folgen der Pandemie und die massiv gestörten Lieferketten. Es ist nicht nur die rasante Inflation, die schon jetzt die Not vieler Menschen auch in unserem Land vergrößert. Es kommen hinzu die durch den Klimawandel weltweit verursachten Dürrekatastrophen, jetzt auch schon in Teilen Deutschlands spürbar. Es kommt hinzu, dass erstmals in der Geschichte die Zahl der weltweit Flüchtenden die 100 Millionen-Grenze überschritten hat.

Und genau in dieser Situation wird uns vom heutigen Predigttext gesagt: Wir können die Wirklichkeit, wie sie ist, in unseren Gottesdiensten nicht überspringen. Dieser Predigttext wurde übrigens nicht eigens von mir ausgewählt. Es ist der Text der offiziellen Predigt-Ordnung für diesen Sonntag: "Es war ein Reicher und es war ein Armer". Der Reiche lebte alle Tage herrlich und in Freuden. Der arme Lazarus lag vor seiner Tür und begehrte sich zu sättigen mit dem, was von des Reichen Tisch fiel. Hier sorgloser Überfluss, da leben unter dem Existenzminimum, womöglich mit drückender Schuldenlast, Angewiesenheit auf die Tafel, würden wir heute sagen. Was bedeutet: Auf vieles verzichten zu müssen, vielleicht hat man sich daran sogar schon irgendwie gewöhnt. Aber die Mieten steigen weiter und die Nebenkosten auch. Wohin soll das noch führen? Wir denken an Alleinerziehende, die ihren Kindern nicht bieten können, was Gleichaltrige sonst bekommen. Selbst der Gang zum Arzt wird geschoben, eigentlich kann man es sich gar nicht leisten, krank zu werden. Oder wir denken an Menschen, die um den Mindestlohn geprellt werden, weil sie das vorgeschriebene Pensum in der vorgegebenen Zeit gar nicht schaffen können, so dass sie zu unbezahlten Überstunden gezwungen sind. Insgesamt haben wir uns schon viel zu sehr daran gewöhnt, von einer gespaltenen Gesellschaft zu sprechen: Es war und ist eben nicht nur ein Reicher und nicht nur ein Armer." Sie beide stehen für Viele. Doch: "Ein Land, das Arme und Reiche hat, ist nicht frei!" Seit Jahren, seit Jahrzehnten nimmt die Zahl der armen Lazarusse weltweit zu, immer spürbarer auch hierzulande. Auch die Zahl der Millionäre wächst. Wie man lesen konnte, habe sich sogar die Zahl der Milliardäre allein in der Pandemiezeit verfünffacht! Weshalb beispielsweise Mercedes-Benz jetzt allen Ernstes prüft, es genauso zu machen wie Porsche, nämlich nur noch "Autos der Spitzenklasse" zu produzieren. Ähnliches beim Wohnungsbau: Wenn viel Geld für Luxuswohnungen bezahlt wird und wenig für bescheidene Behausungen, dann werden eben mehr Luxuswohnungen gebaut und es fehlt an dem, was die Mehrzahl der Menschen tatsächlich braucht und bezahlen kann. [1]

Sehen wir uns die Fortsetzung unseres Predigttextas an: Der Reiche stirbt, der Arme auch. Der eine leidet im Jenseits Höllenqualen, der andere sitzt in Abrahams Schoß. Es folgt der an die Adresse des Reichen gerichtet Satz – eine erste Pointe der Parabel – : "Du hast in deinem Leben Gutes empfangen, Lazarus dagegen Böses; nun wird er hier getröstet, und du wirst gepeinigt." Im Gleichnis gibt es dann noch eine zweite Pointe: Der Reiche bittet Abraham, er möge doch Lazarus in das Haus seiner Familie schicken, um seine Brüder zu warnen. Der Reiche meint, wenn der von den Toten auferstandene Lazarus zu den Brüdern spräche, so würden sie auf ihn hören und ihr Leben ändern. Darauf erwidert Abraham, und das ist die zweite Pointe: "Haben sie auf Mose und die Propheten nicht gehört, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen von einem, der von den Toten auferstanden ist."

Liebe Gemeinde, ich gehe davon aus, dass die meisten von uns dieses Gleichnis aus dem Lukasevangelium, nicht wirklich als Evangelium, also nicht als frohe, Hoffnung stiftende Botschaft verstehen. In der Tat könnte es sich bei diesem Gleichnis um eine sekundäre, erzählerisch-ausmalende Weiterentwicklung eines unter den ersten Christen verbreiteten und in den Evangelien mehrfach zitieren Sprichwortes (einem sogenannten Wander-logion) handeln: "Die Ersten werden die Letzten und die Letzten werden die Ersten sein." Ein Sprichwort, das auch außerhalb des Christentums in den armen Bevölkerungskreisen der Antike verbreitet war. Es spricht manches dafür, dass das Gleichnis nicht auf Jesus selbst, sondern auf die Urgemeinde zurückgeht. Das schon deshalb, weil ein bloßer Ausgleich, eine schlichte "soziale Umkehrung" im Jenseits vielleicht die verständliche Hoffnung armer Menschen spiegelt, aber der jesuanischen Botschaft von einem künftigen, irdischen Reich des Friedens und der Gerechtigkeit nicht entspricht. Gerade im Lukasevangelium haben wir es ja, anders als bei Matthäus und Markus, als Pendant zu den Seligpreisungen der geistlich Armen, ausdrücklich mit Seligpreisungen der real materiell Armen zu tun: "Selig seid ihr Armen, denn das kommende Reich Gottes ist euer." Und weiter: "Selig seid ihr, die ihr jetzt hungert, denn ihr sollt satt werden (und zwar in der neuen Weltordnung Gottes, hier auf Erden)!"

Überall in der Bibel begegnet uns die markante Parteinahme Gottes zugunsten der Armen. Nach dem Motto: "Arme soll es nicht unter euch geben!" [2] An vielen Prophetenworten, genauso wie in den Evangelien, wird deutlich, dass für Gott gesellschaftliche Verhältnisse nicht in Ordnung sind, in denen es strukturell Arme und Notleidende gibt, strukturbedingt geradezu geben muss. Gerade im Lukasevangelium hat sich Jesus mit seiner programmatischen Antrittspredigt in Nazareth bewusst in die Reihe der Propheten vor ihm gestellt, indem er Jesaja zitiert: "Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen." [3] Die Armen sind also die ersten und wichtigsten Adressaten der Botschaft Jesu. Jesus sieht sich damit in der Kontinuität der alttestamentlichen Propheten und der von ihnen vorgetragenen Kritik an den ungerechten, politischen Verhältnissen ihrer Zeit. Zugleich sieht sich Jesus, der Prophet aus Nazareth, als Gesalbter, d.h. als Messias der Armen. Es geht ihm mit seiner Predigt vom nahen Reich Gottes um konkrete Hoffnung für die Armen, nicht um Vertröstung. Ihm geht es um eine menschendienliche und menschenfreundliche Zukunft für alle, folglich um die Änderung von politischen Verhältnissen, die so, wie sie sind, menschenunwürdig sind. Und genau diese Botschaft Jesu ist es, die uns Heutigen als Vorbild und Verpflichtung dient, dienen sollte, und die für uns zugleich auch eine Ermächtigung darstellt!

Ermächtigung insofern, als die Botschaft Jesu uns Mut macht, uns nicht damit abzufinden, dass Almosen gegeben werden. Diakonie, Caritas, die bundesweiten Tafeln (inzwischen in Deutschland über 1000) und "Brot für die Welt", sind wohl gut und wichtig, und wir müssen dankbar sein, dass es solche Organisationen gibt. Dankbar können wir auch sein für die große Hilfsbereitschaft im Jahr 2015 angesichts der großen Flüchtlingskrise. Und auch jetzt wieder wurden von hilfsbereiten Bürgern und Kommunen rund 800 000 Flüchtende aus der Ukraine bei uns aufgenommen. Darüber hinaus gibt es viele Menschen die in Entwicklungs- und Umweltorganisationen mitarbeiten. Das alles ist höchst erfreulich. Doch grundsätzlich gilt darüber hinaus: Es muss nicht nur der Hunger gestillt werden, es muss auch zum Sich-selber-Helfen geholfen werden. Die Tafeln müssten wieder überflüssig werden. Das heißt, wir müssen uns für die strukturellen Ursachen von Armut und Hunger in der Welt interessieren. Konkret: Wir müssen uns durchaus um die Politik kümmern. Die Bibel ist nicht unpolitisch, jedenfalls nicht so ganz! Deshalb müssen wir das Christliche und Religiöse auch ins Politische übersetzen, muss es uns darum gehen, ungerechte Strukturen in der Welt zu verändern. "Love in structures" ist das englische Stichwort. Es geht darum, Liebe und Verantwortung in die wirtschaftlichen Strukturen der Welt hinein zu bringen! Das bedeutet, wir müssen aufhören, unser Christsein als etwas total Unpolitisches zu verstehen. Jesu Predigt vom Reich Gottes zielte auf die neue Stadt, griechisch die neue polis Gottes, so heißt es in der Offenbarung [4], gemeint ist ein neu geordnetes politisch-gesellschaftliches Zusammenleben, in dem Gott "mitten unter den Menschen zelten (= wohnen)" werde: "Und die Menschen werden sein Volk sein, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, denn das Erste (die alte, ungerechte Weltordnung) wird vergangen sein." Auf jeden Fall sollen die neuen gerechten, politisch-gesellschaftlichen Verhältnissen solche sein, in denen die Reichen nicht immer noch reicher und die Armen nicht immer noch ärmer werden.

In seinem glänzend geschriebenen Essay "Wie reich darf man sein? – Über Gier, Neid und Gerechtigkeit" schreibt der Düsseldorfer Ökonom Christian Neuhäuser: "Die Orientierung an Reichtum (hierzulande) scheint sich einfach zu stark in die Tiefenstrukturen unserer Gesellschaft hineingefressen zu haben." [5] Er plädiert deshalb für eine Beschränkung des Reichtums, denn ein unbegrenzter Reichtum gefährde auf die Dauer unsere Demokratie, mache uns zu Sklaven des Reichtums. [6] "Die Menschen (sagt er) müssen zu der Überzeugung gelangen, dass die Beschränkung von Reichtum für die Stabilität und (für die) Gerechtigkeit unserer Gesellschaften von zentraler Bedeutung ist." [7] Denn je größer der Reichtum, desto größer sei die Gefahr, dass die Armen aus dem Blick geraten. Ja mehr noch: Der Kapitalismus erzwänge geradezu die Unsichtbarkeit der Armen.

Liebe Gemeinde, mir ist in meinem Leben immer klarer geworden, dass, wer sich von der Predigt Jesu gleichsam gefangennehmen und begeistern lässt, dass der damit hineingerissen ist in die Auseinandersetzung um die Gestaltung dieser neuen Weltordung Gottes. Deshalb müssen wir lernen, dass der christliche Glaube, wenn er wirklich als Salz der Welt taugen will, etwas mit diesem Kampf und Streit um die Zukunft Gottes in der Welt zu tun hat. So wie wir es im Vaterunser erbitten: "Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel (das meint: wie in unserer Hoffnung und Sehnsucht) so auf Erden (so in der irdischen Wirklichkeit)." Unser Glaube ist also gewiss keine völlig harmlose Angelegenheit. Er will etwas bewegen, verändern, weil er selbst in diese Bewegung nach vorn mithineingerissen ist.

An dieser Stelle muss ich gestehen, dass ich mich immer ein wenig ärgere, wenn im Fernsehen von "den Gläubigen" die Rede ist, die sich da irgendwo versammelt haben, z.B. in Stuttgart beim Katholikentag. "Die Gläubigen", das klingt für mich allmählich schon beinahe abwertend wie: "die Gestrigen"! Das finde ich schade und unangebracht. Denn es geht dem christlichen Glauben doch um die Zukunft der Welt, um die neue Welt Gottes, darum, dass wir mit beiden Beinen auf der Erde stehen und uns mit unseren Kräften und Möglichkeiten einsetzen für das Kommen dieser gerechteren, menschlicheren Welt. Und ja: ich verstehe mich insofern als einen "Gläubigen", als ich glaube, dass diese andere Welt möglich ist. Und dass sie kommen wird, weil sie kommen muss! "Eine andere Welt ist möglich!" Wenn das nicht mehr das einigende Glaubensband und die uns Christen einigende Hoffnung ist, dann sind wir nicht mehr das Salz der Erde. Und nicht mehr das Licht der Welt! Dann ist unser Glaube nichtig. Tatsächlich befürchte ich, dass bei vielen Christen ein Glaube, der vor allem mit der Vorstellung von einem Fortleben nach dem Tod in irgend einer jenseitiegen Welt verbunden ist, dass der die zentrale Botschaft Jesu in unserer Kirche weithin verdrängt hat. Ich möchte an dieser Stelle einen unserer schwäbischen Kirchenväter zitieren, nämlich Christoph Blumhardt [8], der gesagt hat: "Der Geist der Wahrheit will ins materielle, ins politische, ins soziale, ins industrielle Leben hinein." [9] Und weiter: "Nur auf dem Boden des materiellen Lebens kann Jesus den Sieg erringen auf Erden. Über nur religiöse Vorstellungen und Ansichten, über nur geistliche Gemeinden geht der Teufel lachend hinweg." [10] "Das Himmelreich muss in die Materie hinein, wenn es den vollen Wert bekommen soll." Und immer noch Christoph Blumhardt: "Wo soll Gott geoffenbart werden? Auf Erden! Nicht im Himmel – da braucht er dich nicht, da sind Engel genug, die ihn ehren! Auf Erden ist dein Platz!" [11] Im Alten Testament begegnet uns an einer Stelle sogar der Satz, dass "ein Gott, der nicht ein Gott der Armen ist, (dass ein solcher Gott) zum Tode verurteilt ist". Von daher ist klar, dass sich die Gottesfrage für die Bibel (und hoffentlich auch für uns) an der Frage entscheidet, ob den Armen Gerechtigkeit widerfährt, nicht nur mit Almosen und Barmherzigkeit. [12]. Denn: "Der konkrete Mitmensch", so hat es Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) einmal gesagt, das "ist die Transzendenz, die Jenseitigkeit Gottes". Die Menschen, hier auf Erden, sind die "anschaulich gestellte Gottesfrage!" "Der jeweils gegebene, erreichbare Nächste ist das Transzendente. Gott in Menschengestalt! Der Mensch für andere!" [13] Das ist der Grund, weshalb Bonhoeffer die "tiefe Diesseitigkeit" so wichtig war! Und deshalb waren (nicht erst) für ihn die Vorstellungen jenseitiger Belohnungs- oder Bestrafungsorte überholt und für unseren Glauben nicht mehr tragfähig.

Damit bin ich beim zweiten Aspekt unseres Gleichnisses: Der Reiche hatte gemeint, wenn der von den Toten auferstandene Lazarus zu seinen Brüdern spräche, so würden diese auf ihn hören und ihr Leben ändern. Darauf antwortet ihm Abraham im Gleichnis: "Haben sie auf Mose und die Propheten nicht gehört, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen von einem, der von den Toten auferstanden ist." Liebe Gemeinde, dieser Schluss des Gleichnisses macht völlig deutlich: Es geht in erster Linie nicht darum, die vielen Lazarusse in der Welt mit der Aussicht auf ein besseres Leben im Jenseits über ihr Schicksal im Diesseits zu trösten. Das Gleichnis ist vor allem an die Adresse aller Reichen gerichtet. Sie sollen vor einem verfehlten Leben gewarnt werden. In diesem Sinne schreibt Dietrich Bonhoeffer: "Die christliche Auferstehungshoffnung unterscheidet sich von der (antiken) mythologischen darin, dass sie den Menschen in ganz neuer und noch verschärfter Weise an sein Leben auf der Erde verweist." [14] Das Gleichnis Jesus will nicht die Armen mit einem jenseitigen Ausgleich trösten, sondern den Reichen ihre Aufgabe zuweisen, hier, in diesem Leben, in dieser Welt für Gerechtigkeit zu sorgen! Das übrigens ganz ähnlich, wie das der Dichter Rainer Maria Rilke (1875-1926) getan hat im Zusammenhang mit einem Gedicht, gleichsam einer Meditation über die berühmte antike Skulptur, dem "Archaïschen Torso Apollos", einem Torso ohne Glieder, Kopf und Augen. Angesichts dieses Anblicks eines höchst Beschädigten, Mitleid Erregenden, "Augapfellosen", bei dem dennoch "keine Stelle (ist), die dich nicht (an)sieht", gibt Rilke sein Gefühl wieder, und verbindet es geradezu mit einem "Befehl aus Stein". Und dieser "Befehl aus Stein", der ihn trifft, sagt ihm und uns den überraschenden Satz, der im Gedicht wie ein Hammersatz wirkt: "Du musst dein Leben ändern!" [15] Und genau das ist auch die Intention des Gleichnisses und entspricht dann doch der Botschaft Jesu: "Kehrt um, denn die Herrschaft Gottes ist nicht mehr fern!"

Der Evangelist Lukas sagt uns: Lass dich von diesem Gleichnis treffen, treffen, als wär's der "augapfellose" Torso Apolls, der dich ansieht. Es gibt ja so unendlich viele Torsi, Beschädigte, körperlich Versehrte, seelisch Verwundete, materiell Bedürftige, sozial Benachteiligte, politisch Unterdrückte in der Welt, so dass ganz deutlich ist: die Unterscheidung arm und reich wird nicht allen Situationen gerecht. Denn es bleibt so ganz unbeschädigt ja keiner in seinem Leben. Tatsächlich aber geht es dem Evangelium hier eindeutig um die materielle Armut, steht eine sozial-politische Frage im Vordergrund. Dazu sei dann doch noch an ein anderes Wort Jesu erinnert: "Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme." [16] Ein unangenehmes Wort. Vor allem für die, die sich vor einer Veränderung der Verhältnisse fürchten, weil sie verlieren könnten. Und das, obwohl längst offenkundig ist, dass wir Reichenich sage zum ersten Mal "wir Reichen" – einen großen Anteil an den Ursachen für die Armut in der Welt haben. Und jetzt versuchen wir mit allen Mitteln, diese Armen daran zu hindern, zu uns, auf unsere Insel der Seligen zu kommen. Das gehört, denke ich, auch zu der "Geschichte vom reichen Mann und armen Lazarus" dazu. Dabei gehe ich davon aus, dass es durchaus denkbar ist, denkbar sein muss, dass eine gerechte und solidarische Welt, in der alle Menschen ihr Auskommen finden, dass eine solche Welt ohne Verteilungskämpfe eine Win-win-Situation für alle sein könnte: für heutige Arme und für heutige Reiche. Und ich meine, ich hoffe und ich glaube: Eine solche Welt ist möglich. In diesem Sinn: Lasst uns nachdenken, wo und wie wir umkehren können, denn die Zukunft Gottes in der Welt ist möglich und sie ist nicht fern!"

Amen.

Literatur:

Helmut Gollwitzer: "Die reichen Christen und der arme Lazarus"

Amartya Sen: "Rationale DummköpfeEine Kritik der Verhaltensgrundlagen der Ökonomischen Theorie" (Reclam, Reihe [Was bedeutet das alles?], Nr. 14064)

Christian Neuhäuser: "Wie reich darf man sein?Über Gier, Neid und Gerechtigkeit" (Reclam, Reihe [Was bedeutet das alles?], Nr. 19602)

Luise Schottroff / Wolfgang Stegemann: "Jesus von NazarethHoffnung der Armen" (T-Reihe: Urban-Taschenbücher 639)

Dorothee Sölle / Klaus Schmidt (hrsg.):"Christentum und Sozialismusvom Dialog zum Bündnis" (T-Reihe: Urban-Taschenbücher 609)


[1]Vgl. Neuhäuser, 17f

[2]3. Mose 23,22

[3]Lukas 4,18; Jesaja 61,1+2

[4]Offenbarung 21,3f

[5]Neuhäuser, 75

[6]Neuhäuser, 50ff

[7]Neuhäuser, 79

[8]Gemeint ist Christoph Blumhardt d.J. (1842-1919)

[9]Johannes Harder: "Worte des evangelischen Pfarrers und Landtagsabgeordneten Christoph Blumhardt",84

[10]Zitiert nach Kurt Marti: "Kommt das Heil von unten?", in Sölle / Schmidt, 36-48, hier 41

[11]Johannes Harder, 55

[12]Psalm 82,5f

[13]Dietrich Bonhoeffer: "Widerstand und Ergebung" (1966), 260;"Dietrich Bonhoeffer Werke" (DBW) 8, 558

[14]Dietrich Bonhoeffer: "Widerstand und Ergebung" (1966), 226; "Dietrich Bonhoeffer Werke" (DBW) 8, 500

[15]Der Philosoph Peter Sloterdijk hat diesen Satz "Du musst dein Leben ändern" als Titel gewählt für sein 2009 erschienenes Buch. Auf Seite 37-51 kommentiert er darin Rilkes Gedicht ausführlich.

[16]Matthäus 19,24 / Markus 10,25