Unser Christsein
wird heute
nur in
zweierlei bestehen:
im Beten
und im Tun des Gerechten
unter den Menschen

Dietrich Bonhoeffer, Mai 1944

.

Ein Wort der Vorsitzenden zu Pfingsten 2021

„Der geschichtliche Jesus Christus ist die Kontinuität unserer Geschichte. Weil aber Jesus Christus der verheißene Messias des israelitisch-jüdischen Volkes war, darum geht die Reihe unserer Väter hinter die Erscheinung Jesu Christi zurück in das Volk Israel. Die abendländische Geschichte ist nach Gottes Willen mit dem Volk Israel unlöslich verbunden, nicht nur genetisch, sondern in echter unaufhörlicher Begegnung. Der Jude hält die Christusfrage offen. Er ist das Zeichen der freien Gnadenwahl und des verwerfenden Zornes Gottes, ‚schau an die Güte und den Ernst Gottes‘ (R 11,22). Eine Verstoßung d. Juden aus dem Abendland muß die Verstoßung Christi nach sich ziehen; denn Jesus Christus war Jude“ (DBW 6,95).

Dietrich Bonhoeffers vermutlich Ende 1941 geschriebener Text in seinem Ethik-Manuskript „Erbe und Verfall“ reflektiert unmittelbar zeitgeschichtliche Erfahrung. Bonhoeffer war mehr als andere im Bilde über die Gräueltaten an Juden in Deutschland und in den von Deutschen besetzten Gebieten. Vom für Bonhoeffer heimischen Bahnhof-Grunewald fuhren seit dem 18. Oktober 1941 die Güterzüge in die Vernichtungslager im Osten.

Können wir heute, unter ganz anderen kulturellen und gesellschaftlichen Bedingungen, mit Bonhoeffers Gewissheit etwas anfangen, dass der geschichtliche Jesus Christus die „Kontinuität unserer Geschichte“ sei? Bonhoeffer meinte mit dem „geschichtlichen“ Jesus Christus keine christliche Idee, nicht ein christliches Ethos und auch nicht den „historischen“ Menschen Jesus von Nazareth, von dem wir kaum etwas Sicheres wissen, weil die Evangelien und schon die Paulusbriefe eher ausführliche Predigten über Jesus Christus als biografische Erzählungen sind. Er meinte den Menschen Jesus als den „Gott in Menschengestalt!“ (8,558) als Mitte, Grund und Ziel der menschlichen Geschichte, ja der ganzen Weltwirklichkeit. Und von dieser nur dem glaubenden Menschen gewissen, ansonsten verborgenen Wahrheit sagte Bonhoeffer, dass sie „unlöslich“ mit dem Volk Israel verbunden sei. Israel, Kirche und die ganze abendländische Gesellschaft sind so sehr miteinander verbunden, dass eine Verstoßung des oder der Juden (im Manuskript abgekürzt: „d. Jude“) die Verstoßung Christi „nach sich ziehen“ würde. Und: „Der Jude hält die Christusfrage offen“. Das heißt mindestens: Es gibt keine christliche Glaubensgewissheit, keine erlösende und befreiende Kraft, kein Evangelium an der Existenz der Juden und Israels vorbei. Es gibt sie nur zusammen mit dem Volk Israel „in unaufhörlicher Begegnung“.

Was diese Sätze für den jüdisch-christlichen Dialog und eine Theologie nach der Shoah bedeuten können und müssen, ist woanders und vielfältig erörtert worden. Wir erinnern uns heute an Bonhoeffers Worte auf dem Hintergrund der unsäglichen antisemitischen Hassreden der letzten Wochen, wie sie auf den Straßen deutscher und europäischer Großstädte und im Netz hörbar und lesbar wurden. Zum selben Hintergrund gehört das seit der Gründung des Staates Israel ungelöste Drama zweier Völker, die beide mit heiligem Ernst einen exklusiven Anspruch auf dasselbe Fleckchen Erde erheben (Daniel Barenboim, 17.5.2021).

Wir haben zu lernen, angefangen in den Schulen, wie das möglich sein kann: den eigenen Schmerz über Demütigung und Unrecht, Wut, Todesangst und Todtraurigkeit auszudrücken und zugleich den ähnlichen Schmerz, die Wut, Angst und Traurigkeit im Nachbarn, Nachbarin wiederzuerkennen. Für Bonhoeffer war der Blick auf den Nächsten oder die Nachbarin eine Erfahrung des anderen Menschen als einer „Grenze“. Ich kann meine eigene Identität, von der heute viele in Konkurrenz zu den Identitäten anderer sprechen, gar nicht finden und behaupten, ohne mich durch den anderen Menschen, seine Identität und seine Ansprüche begrenzt zu finden. Für Bonhoeffer war diese Erfahrung des anderen Menschen als meiner Grenze vermittelt und gewissermaßen aufgehoben durch den Blick auf Jesus Christus. In seiner „Ethik“ lesen wir: „Gott und der Nächste, wie sie uns in Jesus Christus begegnen, sind ja nicht nur die Grenzen, sondern auch der Ursprung verantwortlichen Handelns. Unverantwortliches Handeln ist eben dadurch definiert, daß es diese Grenzen, Gott und den Nächsten, mißachtet. Verantwortliches Handeln gewinnt seine Einheit und schließlich auch seine Gewißheit aus dieser seiner Begrenztheit durch Gott und den Nächsten. Gerade weil es seiner selbst nicht Herr ist, weil es nicht grenzenlos, übermütig, sondern geschöpflich, demütig ist, kann es von einer letzten Freude und Zuversicht getragen sein, kann es sich in seinem Ursprung, Wesen und Ziel, in Christus, geborgen wissen“ (DBW 6,269).

In Jesus, der als einziger Mensch und von sich aus, aus göttlicher Freiheit, alle möglichen Ansprüche (das „Gesetz“) und Grenzen erfüllt und überschritten hat in seinem Tod am Kreuz, ist eine „echte unaufhörliche Begegnung“ überhaupt erst möglich. Glauben wir das? Und wie kann eine solche Begegnung gestaltet werden etwa zwischen Juden und Nicht-Juden heute in Deutschland? Wer auch immer das versucht – und es muss immer neu versucht werden! – muss bereit sein, alle möglichen Verletzungen und Interessen wahrzunehmen bei sich selbst und beim Gesprächspartner, der Gesprächspartnerin. Wie schwierig das ist, zeigen öffentliche Gespräche, wie sie im Zusammenhang mit der jüngsten kriegerischen Auseinandersetzung in Israel und Palästina sowie mit den antisemitisch gefärbten Demonstrationen und Gewaltakten gegen Synagogen geführt wurden. Jede Seite rechtfertigt sich, letztlich mit dem Opferstatus. Falsche Alternativen liegen schnell auf dem Tisch. Vielleicht ist es heute an den Christen und Christinnen, im Bewusstsein der Schuld von Kirche und Christentum an den Juden und an Israel, aber auch im Glauben an Jesus Christus, aus einer „letzten Freude und Zuversicht“ (Bonhoeffer) z. B. Trialoge anzuregen, das Gespräch mit Israelis wie mit Palästinensern zu suchen, es mit ihnen zu organisieren, nicht als religiöse oder politische Besserwisser, nicht mit dem Gestus moralischer Überlegenheit, sondern zuhörend, mitgehend, fragend. Gemeinsam vielleicht – vielleicht nur in wenigen seligen Momenten – dahin gelangen, wo der „geschichtliche Jesus Christus“ am Werk ist, so dass Friede und Gerechtigkeit erwachsen, wo niemand heute etwas davon sieht.

Veni Creator Spiritus!

Petra Roedenbeck-Wachsmann

Dr. Bernd Vogel


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Herzlich willkommen

auf der Webseite des Dietrich-Bonhoeffer-Vereins zur Förderung christlicher Verantwortung in Kirche und Gesellschaft e. V.

Der Dietrich-Bonhoeffer-Verein (dbv) wurde am 15. Mai 1983 in Stadtlauringen gegründet.

Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Wahrnehmung christlicher Verantwortung in Kirche und Gesellschaft zu fördern.

Die Mitglieder, Freundinnen und Freunde des Vereins sehen in dem Leben und Werk Dietrich Bonhoeffers eine unverändert gültige, in die Zukunft weisende Herausforderung zu verantwortlichem Glauben, Denken und Handeln.

Zur Kenntnissnahme, Verbreitung und Diskussion werden von den Gremien des dbv die „Impulstexte“ und „Resolutionen“ empfohlen. Insbesondere weisen wir auf unsere am 11.03.2016 auf der Mitgliederversammlung in Erfurt beschlossene „47. Resolution“ „Pacem facere – Frieden schaffen“ und auf unseren Aufruf zur Friedensdekade 2017 hin.

Auf der Mitgliederversammlung am 18./19.09.2020 in Eisenach haben die Mitglieder des dbv im Gedenken an den vor 75 Jahren von den Nazis ermordeten Dietrich Bonhoeffer beschlossen, ein Wort zur Freiheit als "Dasein für andere" zu veröffentlichen.

Gegen die von der Bundesregierung geplante Anschaffung bewaffneter Drohnen hat sich die Arbeitsgruppe „Frieden wagen“ mit Zustimmung des Vorstands in einem Offenen Brief an den Bundespräsidenten, die Bundeskanzlerin, die Bundesminister und Bundesministerinnen. an die im Parlament vertretenen Parteien sowie an die Landesregierungen und ev. und kath. Kirchenleitungen gewandt.

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